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Kesa – Dichtung und Wahrheit zum Thema Muschelgeldringe.

Auf „Feldforschung“ in Choiseul (Lauru), einer Insel der Salomonen.

Kesa - fiction and truth about shell money rings.

"Fieldwork" on Choiseul (Lauru), a Solomon island.

Thomas Lautz

Von den Inseln der Salomonen (Solomon Islands) kennen wir eine Vielzahl unterschiedlicher Objekte, die als eine Art Zahlungsmittel dienten oder sogar heute noch zumindest zu bestimmten Anlässen als solche verwendet werden. Sie geben Zeugnis von den vielen Kulturen, Sprachen und Gewohnheiten der unterschiedlichen Ethnien, die auf der melanesischen Inselgruppe heimisch sind, und die sich nicht nur in “grauer Vorzeit“ bekriegten, wie die bewaffneten Auseinandersetzungen der letzten Jahre in Honiara gezeigt haben.

Im 19. Jh. wurde der noch verfügbare Rest der Welt unter den Kolonialherren verteilt. Sie zogen die Grenzen ohne Rücksicht auf die Rechte und Traditionen der “Wilden“ nach ihren Bedürfnissen und Machtansprüchen, was bis heute immer wieder zu Konflikten führt. So gehören die Inseln Neu Irland, Neu Britannien und insbesondere Bougainville ethnogeographisch nicht zu Papua Neu Guinea, sondern zu den Salomonen. Dass die Insel Choiseul, die hier im Zentrum der Betrachtung stehen soll, heute ein Teil der “Republik of the Solomon Islands“ ist, verdankt sie einer Vereinbarung zwischen der deutschen und der britischen Kolonialmacht: Choiseul gehörte, wie Buka und Bugainville, seit 1886 zum deutschen Gebiet, wurde aber 1899 den Briten überlassen, die sich dafür zum Ausgleich aus Samoa heraushielten. Ohne diese Vereinbarung wäre Choiseul heute mit den Inseln des Bismarck-Archipels ein Teil von Papua Neuguinea.

Wie überall in Melanesien spielte gerade auch auf den Salomonen Geld eine wichtige Rolle in zwischenmenschlichen Beziehungen. Anders als in Polynesien und auch Mikronesien kann man durch den Besitz und besonders durch das Ausgeben von Geld Status und Ansehen gewinnen, im besten Fall zum “Big Man“, zum Häuptling, aufsteigen.

Wir können die Salomonen-Inseln, was die Zahlungsmittel betrifft, generalisierend in drei Gruppen einteilen: Auf Santa Cruz (Temotu Provinz), im äußersten Südosten, relativ nahe dem polynesischen Gebiet, wurden die bekannten roten Federgeldrollen verwendet. Im Zentralgebiet, mit der bevölkerungsreichsten Insel Malaita als Zentrum, aber auch auf Bougainville, Neu Irland und Neu Britannien, herrschen rote, weiße und schwarze Muschelperlen vor, die als Einzelketten oder - je nach Gebiet - in meist zwei, vier oder zehn parallelen Ketten angeordnet sind. Daneben werden Delphinzähne und andere Objekte benutzt, aber fast alle sind klein und werden aufgefädelt.

Im dritten Gebiet sind weiße Muschelringe in verschiedener Ausformung und Größen vorherrschend. Auch sie haben sich aus dem Schmuck entwickelt, aus Armringen; einige sind auch als solche verwendbar. Wir finden solche Muschelringe als Zahlungsmittel im New Georgia-Archipel, auf der Insel Choiseul und auf einigen Neu Irland vorgelagerten Inseln, wie den Lihir- Inseln. Bemerkenswert ist, dass die “Muschelperlen Inseln“ auf der einen und die “Muschelring-Inseln“ auf der anderen Seite keineswegs geografisch zusammenhängende Gebiete umfassen. So exportiert Malaita seit langer Zeit in der Langa-Langa-Lagune hergestellte rote Muschelperlen-Ketten nach Bougainville, dazwischen liegen jedoch Inseln, auf denen Muschelperlen keinen Wert als Zahlungsmittel darstellen.

Die Muschelperlen-Geldformen unterscheiden sich in Zusammenstellung der Stränge und Farben von Insel zu Insel und innerhalb dieser von Region zu Region, obwohl sie oftmals in Malaita produziert wurden und werden. Wir können hier also nicht von einer Art Währungsgemeinschaft sprechen.

Etwas anders verhält es sich mit den weißen Muschelringen. Bestimmte Typen - besonders solche, die sich auch als Armreif tragen lassen - kommen auf mehreren Inseln vor, sie sind sozusagen universell einsetzbar. Andere Formen wiederum sind typisch für bestimmte Inseln oder Regionen.

Das Material der Muschelringe

Die Tridacna-Muschel kommt in Größen bis über einen Meter vor (siehe hierzu auch B. Rabus im Primitivgeldsammler 26, 2005, S. 45-50). Besonders am Schlossteil erreicht die Schale eine große Dicke, die abhängig ist von der Umwelt, in der sie lebt: In stark strömendem Gewässer wird die Schale dicker, um das Tier vor der Beschädigung durch anschlagende Steine o. Ä. zu schützen. Die Verdickung am Schlossteil kann den Durchmesser des Kopfes eines erwachsenen Mannes ausmachen. Besonders aus diesem Teil und dem unteren Teil der Schale wurden die größeren Muschelgeldringe gefertigt.

Das Fleisch der Muschel, oft mehr als 100 kg schwer, wird auch heute noch gekocht und gegessen, es ist, wie ich mich (trotz Artenschutz) überzeugen konnte, fest und recht wohlschmeckend.

Auch die Schale selbst kann mehrere hundert Kilo wiegen. Das Material erinnert an weißen Marmor, es besteht wie dieser ebenfalls aus Kalzit. Es ist sehr spröde, bricht leicht, lässt sich aber nicht gezielt spalten, wie etwa Feuerstein; für die Verarbeitung kann es gesägt, gebohrt oder geschliffen werden.

Im pazifischen Raum wurde Tridacna-Schale vorwiegend zur Herstellung von Axtköpfen verwendet, daneben auch für Schmuck und für Geldringe. Es wird immer wieder berichtet, dass vorwiegend fossile Tridacna-Schalen bearbeitet wurden, die man in den Korallenfelsen eingebettet fand. Allerdings räumt Ludwig Pfeiffer (Die steinzeitliche Muscheltechnik, 1914) auch ein, dass von den Forschern kaum eigene Beobachtungen notiert, sondern meist nach dem Hörensagen berichtet wurde. Ob (sub-) “fossile“ Tridacna tatsächlich leichter verarbeitet werden kann oder nur einfacher zu beschaffen war als frische, lebende, ist m. E. bisher noch nicht experimentell untersucht worden.

Die größten mir bekannten Ringe, mau lawata genannt, stammen aus Choiseul und haben einen Durchmesser von etwa 25 cm bei einer Dicke von 8 cm, sie wiegen mehr als 10 kg (Tafel XXI, Abb.2).

Kleinere Muschelringe wurden auch aus kleineren Tridacna-Sorten oder Kamm-Muscheln hergestellt, sie zeigen oft die wellige Struktur der ursprünglichen Muschel-Oberfläche (Tafel XXII, Abb.13).

Muschelringe von Choiseul in der Literatur

Finsch (Südseearbeiten, 1914) erwähnt etliche Muschelringe aus dem Gebiet des Bismarck-Archipels. Er schließt aus dem seltenen Vorkommen, dass sie “höchstwahrscheinlich aus Neu Mecklenburg, und (...) auch aus den Salomonen-Inseln“ stammen. “Mit letzteren hat von jeher von Buka aus über Nissan mit einigen Randinseln Verkehr stattgefunden, der sich bis Neu-Lauenburg und an die Küsten der Gazelle-Halbinsel erstreckte. Gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts [19.Jh.] erschienen aber bereits Handelsschiffe, zunächst Walfänger, die gern auf den Salomo-Inseln Eingeborene als Hilfsmannschaften rekrutierten und gelegentlich Port Hunter oder Blanche Bay besuchten. Dadurch wurden hier jedenfalls schon damals fremde Schmuckstücke eingeschleppt und dies in erhöhtem Maße, als (20 Jahre später) Handelsstationen und Plantagen entstanden, welche farbige Arbeiter, meist aus den Salomo-Inseln, zu Hunderten einführten“.

Weiter führt er aus, dass als Herstellungsorte der Ringe, die in Neu-Mecklenburg und Neu-Hannover als weitverbreitetes Tauschmittel vertreten seien, die Inseln Aneri und Tanga, der Gardner-Insel (Tabar), Fischer-Insel (Simberi) und Nissan in Betracht kommen. (Finsch S.88).

Ein “kuamanu“ genanntes Fehdegeld beschränke sich auf Nissan und würde auch dort hergestellt (Finsch S.89, s. a. Rabus in: Primitivgeldsammler 65/66, 2002, S.45-57). Es besteht aus einem relativ dicken, außen glatt geschliffenen Tridacnaring, dessen Mittelloch sich konisch verjüngt, ähnlich einer Sanduhr. Finsch vermutet, es könne sich um unfertige Ringe handeln. Meine Funde an den Herstellungsorten in Choiseul bestätigen diese Annahme, gleichzeitig wird durch die Angabe bei Finsch meine Annahme gefestigt, dass die von mir gefundenen Fragmente nicht fertig bearbeitet sind.

Für Finsch scheinen die Tridacna-Ringe aus den Salomonen in erster Linie interessant zu sein, wenn sie in die deutsche Kolonie gelangten. Er schreibt weiter: “Obwohl sich die Verbreitung über die ganze Gruppe von Buka bis Santa Anna erstreckt, ist die Anfertigung (wie bei allen Muschelerzeugnissen) doch nur auf wenige Inseln, bezw. gewisse Dörfer beschränkt, die wir nicht einmal genau kennen“. Genannt wird Vella Lavella, Rubiana (Kausagi), und besonders Simbo, “deren Eingebohrene (nach Wilhelm Joest) fast nichts anderes tun als Tridacnaringe schleifen“. Auch auf Choiseul gäbe es Werkstätten, die Ringe würden von hier aus, namentlich dem Dorfe Bambatana, hauptsächlich nach der Südspitze von Bougainville gelangen und hier von Männern getragen (Finsch S.90). Finsch kennt nur zwei Sorten von Muschelgeld-Ringen: Schmale Armringe mit 6-9 mm Breite und Höhe, sowie breitere mit 20-38 mm Breite mit einer Höhe von 9 bis 22 mm, jeweils mit einem Mittelloch von 55 bis 88 mm Durchmesser.

Es ist bemerkenswert, dass Finsch ausschließlich auf relativ kleine Tridacna-Ringe eingeht. Die hohen Ringe vom “kesa“-Typ (Tafel XXI, Abb.3) scheinen ihm ebenso wenig bekannt gewesen zu sein wie die großen, mau lawata genannten (Tafel XXI, Abb.2). Er erwähnt nur noch die .breiten Armringe. als den wertvollsten Schmuck und das teuerste Geld (“bakia“ oder “bakhea“ in Neu-Georgien und auf Santa Isabel, “lakur“auf den Shortlands, “komi“ auf Malaita). Die Größe seines Belegstückes gibt er mit 11,4 cm Durchmesser an, mit einem Loch von 80 mm, Breite 18-20 und Höhe 22 mm, Gewicht “ein Pfund“. Der Wert dieser Ringe sei abhängig von der Größe und vornehmlich von der Ausdehnung der ockergelblich gefärbten Stelle des Stückes. Diese Ringe, mit auffallend rechtwinkligen, scharfen Kanten, sind auch heute noch in größerer Anzahl in Choiseul sowie im Handel zu finden. Sie werden meist der Salomonen-Insel Vella Lavella zugeordnet.

Scheffler schreibt in Big Men noch 1965, er glaube nicht, dass außer seinen eigenen Exemplaren vollständige Sätze von kesaaußerhalb von Choiseul existieren. Die wenigen “big men“, die kesabesäßen, würden es für kein Geld in der Welt abgeben. Eine anonyme Schrift der Cultural Association of the Solomon Islands von ca. 1975 schreibt gar über die Kesa (S.12), “the history of all were known“.

Diese Situation hat sich geändert. Kesa-Ringe sind nicht wirklich selten. Schon daraus kann gefolgert werden, dass ihre Bedeutung als “traditionelles Geld“ in Choiseul nicht mehr dieselbe ist wie vor 40 Jahren. Junge Männer nehmen sie mit zur Hauptstadt Honiara und versuchen, sie dort zu veräußern; auch auf Choiseul wurden mir mehrfach Ringe angeboten. Heute benötigt man zum Überleben Bargeld, Dollars, die Zeit der Muschelringe ist vorüber.

„kesa“

Eine Art Muschelringe, oder vielleicht besser Muschel-Zylinder, wird in der älteren Literatur fast nirgendwo erwähnt, obwohl sie nicht gerade selten vorkommt. Es handelt sich um meist kesagenannte zylindrische Ringe, gewöhnlich mit einem Durchmesser von etwa 7 cm und einer Höhe von ca. 6 cm (Tafel XXI, Abb.3). Sie sind sehr dünn, die Kanten entweder scharfkantig oder rechtwinklig abgeschnitten; die Oberfläche ist nie glatt geschliffen, sondern auffallend rau und meistens braun verfärbt. Jeweils drei der Ringe werden übereinander gestapelt in Blättern verpackt (Tafel XXV, 32 und 33).

Um einige der Ergebnisse meiner Recherchen vor Ort vorwegzunehmen: Der Name für einen einzelnen dieser Ringe ist in vielen Orten verschieden (lupe,mata etc.), ein einzelner Ring wird nicht als Zahlungsmittel verwendet. Ein Paket mit 3 Ringen heißt salaka(betont auf dem ersten a), es kann schon - allerdings sehr bedingt – als Zahlungsmittel akzeptiert werden (Tafel XXV, 33). Drei Pakete mit je 3 Ringen, also 9 Ringe, werden zusammengebunden und heißen dann kesa. Erst diese 9 Ringe, ein kesa, bilden ein Zahlungsmittel. Wenn ich hier der Einfachheit halber bei einzelnen Ringen von Kesa-Ring oder Kesa-Typ spreche, dient dies der Abgrenzung von anderen Ringtypen.

Dem “kesa“ galt mein besonderes Interesse, zumal sogar Unstimmigkeiten bestanden, aus welchem Material die Ringe hergestellt waren . Tridacna-Muschel oder der röhrenförmigen Kalkablagerung einer riesenhaften Bohrmuschel, des Teredo-Wurms, wie sogar einmal vom Museum in Honiara behauptet wurde (Hviding S.93,Anm.18 unter Berufung auf die frühere Mitarbeiterin des Museums, Maria Lane)? Das Bohrwurm-Gerücht hält sich hartnäckig, es wird heute von Souvenir-Shops in Honiara weiter verbreitet, obwohl schon das Erscheinungsbild des Materials ein ganz anderes ist.

Feld-Untersuchungen auf Choiseul Ziel und Region der Untersuchung

Im Winter 2007/08 reiste ich zu der Salomonen-Insel Choiseul, um die dort vorkommenden Muschelringe zu studieren, soweit dies heutzutage noch möglich ist. Dabei wollte ich versuchen, einige spezifische Fragen zu klären:

1. Welche Arten von Ringen gibt es auf Choiseul?

2. Wo wurden welche Ringe hergestellt?

3. Welches Material wurde für die Ringe, insbesondere für “kesa“, verwendet?

4. Was wissen die heutigen Bewohner noch von den traditionellen Geldformen?

5. Welche Bezeichnungen und Namen kennen sie für diese?

6. Wie stehen die Ringe zueinander, gibt es regional unterschiedliche Verwendung?

Mir war dabei klar, dass sich in der relativen Kürze der Zeit - vor Ort etwa ein Monat - nur begrenzt Informationen sammeln ließen, und dass die Ergebnisse von einigen Zufällen abhängig, keineswegs repräsentativ waren.

Das Zielgebiet meiner Untersuchungen war die relativ abgelegene Nordostküste der Insel Choiseul (meist nur “Nordküste“ genannt), speziell die kleine, vorgelagerte Insel Nuatambu (Karte: Tafel XXI, Abb.1). Der Sage nach wurden hier alle Muschelgeldringe hergestellt. Ein weiteres Argument für die Nordostküste war ein sehr großer Muschelring, den ich bei einem meiner letzten Aufenthalte im Nationalmuseum in Honiara sah. Als Herkunft war Sokara angegeben, eine weitere kleine Choiseul vorgelagerte Insel.

Nicht besucht habe ich die Südwestküste, meistens nur “Südküste“ genannt. Sie ist dichter besiedelt und erschien mir auch in größerem Maße fremden Einflüssen ausgesetzt zu sein, insbesondere von den Bewohnern der benachbarten Inseln des Neu-Georgia-Archipels als auch - durch die etwas bessere Verkehrsanbindung - von auswärtigen Besuchern.

Choiseul wird auch mit dem traditionellen Namen Lauru bezeichnet. Die Insel ist etwa 170 km lang, dabei nur maximal 26 km breit, und erstreckt sich von Südosten nach Nordwesten. Das Inland ist sehr gebirgig und ziemlich unzugänglich, der höchste der dicht bewaldeten Berge, der Mount Maetambe, ein erloschener Vulkan, ist 1050 m hoch. Fast alle Siedlungen befinden sich an der Küste. Ein kleiner Flughafen in Taro, an der Nordwestspitze, wird drei Mal pro Woche von einer Twin Otter angeflogen. Eine regelmäßige Schiffsverbindung besteht von Honiara: Die, gelinde gesagt, etwas vergammelte Lauru I fährt um die Insel herum und beliefert jedes Dorf mit Waren. Wegen der Riffe werden die Last und die Passagiere mit einem kleinen Boot an Land gebracht; Kaianlagen fehlen fast überall. Die Lauru I braucht für die Rundreise rund 14 Tage, mal mehr, mal weniger. Das bedeutet, dass sich ein Besucher rund 2 Wochen auf dem Schiff aufhalten muss, jeder Landaufenthalt würde noch einmal 2 Wochen dauern. Als Alternative bietet sich ein Flug an, die Weiterfahrt müsste dann mit gemieteten Booten mit Außenbord-Motor durchgeführt werden - schon durch die hohen Benzinpreise eine kostspielige Angelegenheit. Außer in Taro gibt es an der Nordküste keine Gasthäuser, man ist auf die - in dieser Gegend noch selbstverständliche - Gastfreundschaft der Einwohner angewiesen.

Ich hatte das Glück, von Honiara aus mit der “KCB 2“, einem kleinen Küstenfrachter, der Benzinfässer geladen hatte (Tafel XXI, Abb.4), über die Russel Islands und die Küste von Santa Isabel entlang zur Siruku Bay an der Südostspitze der Insel mitfahren zu dürfen. Von dort konnte ich einen Einbaum mit Außenbord-Motor (Tafel XXI, Abb.5) nach Sokara mieten, dann später ein anderes kleines Boot nach Nuatambu, von wo ich noch nicht einmal eine Woche später mit der Lauru I in vier Tagen nach Taro gelangte, wo sich der Flughafen befindet. Dort verbrachte ich fast eine weitere Woche, um eine Rückflugmöglichkeit zu bekommen. Meine Untersuchungen beschränken sich daher vorwiegend auf die Nordostküste, Sokara und Nuatambu sowie die Orte zwischen Nuatambu und Taro, insbesondere Pangoe, Susuka, Vurago und die Gegend von Saghasagha an der nördlichsten Spitze der Insel.

Durchführung der Untersuchung

Da die Untersuchung zeitlich wie regional in nur sehr begrenztem Umfang durchgeführt werden konnte, werde ich die Ergebnisse als eine Art Materialsammlung festhalten. Dadurch wird vermieden, dass einige meist nicht nachprüfbare Einzelaussagen Allgemeingültigkeit erhalten, und auch meine Schlüsse daraus bleiben nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite gibt es gerade über Choiseul sehr wenige Untersuchungen, so dass ich es für wichtig halte, jede Information weiterzugeben. Immer wieder hatte ich den Einruck, zu spät zu kommen: Es leben nur noch wenige alte Männer, die Traditionen für wichtig halten. Anders als in Malaita oder auf anderen Inseln scheint auf Choiseul - zumindest in den Dörfern, die ich besuchen konnte - die Tradition der Zahlungsmittel schon seit Generationen nicht mehr wirklich lebendig zu sein. Auch Männer im Alter über 50 Jahren kannten oft die Namen der Muschelringe nicht mehr und beriefen sich auf die Sagen, die in jedem Reiseführer oder Prospekt über das Land stehen. Die Zeit, dass man mit ihnen regelmäßig Brautpreise bezahlte, muss demnach lange vor dem zweiten Weltkrieg gelegen haben. Erschwerend kommt hinzu, dass große Gebiete, gerade auch Nuatambu, durch die Sieben-Tage-Adventisten (SDA) missioniert wurden, die mit anderen Traditionen auch den Brautpreis ablehnen (allerdings dabei nicht ganz so dogmatisch zu sein scheinen, wie ich sie in Papua Neuguinea kennen gelernt habe). Wohl versuchen einige auch jüngere Leute, Traditionen wieder neu zu beleben - man sprach sogar von der versuchten Neuproduktion von Kesa-Ringen - aber das sind typische Träume eines Insel-Historismus. Solche Traditionen können nur wiederbelebt werden, wenn sie noch nicht völlig untergegangen sind. Heute erinnert sich wirklich niemand mehr an Herstellungstechniken oder die Materialien.

Vielleicht belebt man die Tradition mit einer mechanischen Drehbank, angeschafft mit Geldern der Entwicklungshilfe, oder mit Plastik-Ringen...

1. Sokara 19. - 20. 12. 2007

Sokara (mit Betonung auf dem o) ist eine kleine, hohe, heute unbewohnte kleine Insel, einige hundert Meter von der Küste entfernt in einer Bucht gelegen (Tafel XXI, Abb.5). Es gibt Reste von Siedlungsplätzen und inzwischen längst geplünderte und zerstörte Grabstätten. Vermutlich war die Insel früher durch ihre Lage am Eingang der großen Bucht ein wichtiger Ausguck, um die übrigen Bewohner vor eindringenden Feinden - Kopfjägern oder “Anwerbern“ für Plantagen - zu warnen. Jetzt wohnen die Besitzer der Insel (das Landrecht ist ziemlich kompliziert und nicht Thema dieser Abhandlung) gegen über auf dem Festland.

Ich wurde Gast des Clanchefs Tedley Galonaki (*1947; Tafel XXI, Abb.6). Im Grunde weiß in dem kleinen Dorf namens Kesa niemand etwas über Muschelgeld. Eine Verbindung des Dorfnamens mit dem gleichnamigen Geld wurde verneint. Tedley und die Bewohner des Ortes zeigten mir etwa 20 Ringe gemeinsam mit einer größeren Menge an Bruchstücken, sie sind auch stolz, sie als eine Art kulturelles Erbe zu besitzen. Alle Ringe und Bruchstücke sind auf Sokara gefunden worden, keine auf dem Festland. Es stammten auch keine aus altem Familienbesitz, keiner war als Zahlungsmittel erworben oder aufbewahrt worden (Tafel XXII, Abb.8-11).

Den Fotos der großen, 10 kg schweren Ringe (Tafel XXI, Abb.2) begegnete man mit Staunen, an so große Ringe kann sich niemand hier erinnern. Der Vater von Tedley habe mal einen großen Ring in die Nationalbank gegeben. Vermutlich war dies der Ring mit Herkunftsangabe, den ich vor vielen Jahren im Nationalmuseum gesehen hatte.

Der Name der großen Ringe sei maulawata, oder besser mau lávata.Mau bedeute “tausend“, ev. auch als Synonym für “ganz viel“, lavatamit Betonung auf dem ersten a heißt “groß“ (“big“).

Kein Ring oder auch nur ein Bruchstück gehört hier dem kesa- Typ an. Man kennt allerdings kesa, nach einigem Überlegen meint Tedley: 3 kesaheißen 1 salaka, 3 x 3 Ringe nennt er pupuru. Diese Angabe ist allerdings falsch, wie spätere Erkundigungen ergeben. Interessant und wichtig erscheint mir die Tatsache, dass ein älteres Mitglied eines hohen Clans die Namen nicht mehr weiß, d. h. dass sie schon lange nicht mehr verwendet werden oder Tedley die Namen nie gelernt hat. Den Ausdruck matafür einen einzelnen Ring, der mir früher von der Südküste übermittelt wurde, kennt er nicht.

Bei den vorgelegten Ringen und Bruchstücken handelte sich um schmale Ringe mit einem Durchmesser bis etwa 12 cm. Unter den Bruchstücken fanden sich auch ein dünner Armring, aber keine gerieften Stücke. Einen Armreif mit tiefen Riefen zeigte mir ein Einheimischer weiter südlich an einer Boots-“Tankstelle“ (ein Lagerschuppen, in dem Benzin aus einer Tonne abgefüllt wurde). Er stammte offensichtlich aus einem Bodenfund (Tafel XXII, Abb.7). Die tiefen Einschnitte, die z. T. Den Ring durchtrennten, machten auf mich den Eindruck, als sollte ein breiter, dünner Armreif durch Absägen in schmale Reifen geteilt werden. Sägespuren an Bruchstücken erhärteten später die Vermutung, die schmalen Reifen seien so von breiteren abgetrennt worden. Das Verfahren wird bei Guso Piko beschrieben (Choiseul Currency, Honiara 1976), aber für etwas größere Ringe, die ziku genannten Armreifen. Zum Sägen wurde scharfkantiger Sand (sauru) und die Luftwurzel einer Liane (riku) verwendet. Er hatte den Vorgang noch gesehen, als er ein kleiner Junge war, “vor 50 Jahren oder so“. Guso piko wurde ca. 1907 in Kumboro (Südost-Choiseul, Avasö Distrikt) geboren.

Kleinere Ringe mit deutlicher Muschel-Oberfläche, aber auch glatte Ringe in Armring-Größe, nennt man zikuoder seku. Sie wurden aus Tridacna, aber auch aus kleineren Muscheln mit einem Durchmesser von ca. 18 cm hergestellt, die ebenfalls mit zikubezeichnet wurden. Für andere Ringe würde eine Muschel namens masiuverwendet. Die Muschel, aus der die großen mau lavata sowie die Schmuckplatten für die Gräber (barava, mbarava) gemacht wurden, hießt meka( = Tridacna gigas).

Tedley, drei oder vier der vielen Kinder und ich fahren im Boot zur Insel Sokara (Tafel XXI, Abb.5) und landen in einer kleinen Bucht. Die Insel besteht aus Korallenfelsen, ist aber von dichtem Urwald bewachsen. Die Familie kommt ab und zu hierher, um Holz zu holen; an einer Stelle baut sie auch noch etwas Taro an. Tedley zeigt mir zerstörte Gräber, wohl ursprünglich aus Steinplatten errichtet und mit Muschelringen und kunstvoll durchbrochen gearbeiteten Muschelplatten geschmückt, heute gibt es hier nur noch ein paar durcheinander geworfene Steine. In einer kleinen Bucht auf der östlichen Seite der Insel war wohl die alte Siedlung, es gibt noch einige aus Korallenfelsen aufgeschichtete Plattformen für Hütten (Tafel XXII, Abb.12). Am Strand davor Geröll, darin Bruchstücke von Muschelringen, eindeutig nicht vollendete Stücke, aber auch ein vollständiger Ring. Auch dieser zeigt die typischen konischen Bohrlöcher, die m. E. auf nicht fertig gestellte Ringe hinweisen (Tafel XXII, Abb.13). Vermutlich stammen die Stücke von dem durch die See abgespülten Land.

Ein Stück weiter, in der nächsten Bucht, finden wir zwischen den Palmen, also an Land, noch zwei kleine Bruchstücke.

Alle Bruchstücke sind vom Typ ziku, nicht kesa. Sie bilden den eindeutigen Beleg, dass auf Sokara Muschelgeldringe hergestellt wurden. Meiner Meinung nach wurde hier jedoch kein kesaproduziert, denn sonst hätten sich unter den größeren Mengen an Muschelring-Resten wenigstens einige kleine kesa- Stücke befinden müssen, wie dies beispielsweise in Nuatambu der Fall war.

Aus den Stücken lässt sich rekonstruieren, wie “ziku“ - Ringe hergestellt wurden (Tafel XXII, Abb.13): Die Schale einer kleineren Tridacna, etwa 20 cm groß, wurde zu einer runden Scheibe geschliffen. Dann vertiefte man die wellige Oberfläche in der Mitte, vermutlich mit einem Schlagwerkzeug, oder schliff eine Kuhle hinein (Tafel XXII, Abb.13 unten Mitte).

Die Kuhle wurde durch Schleifen von der Innen- und Außenseite zu einem Loch, das konzentrisch zuläuft, d. h. In der Mitte verhältnismäßig klein ist (Tafel XXII, Abb.13, rechts unten). Durch Schleifen vermutlich mit einem harten rauen Stein wurde das Loch vergrößert, es entstanden tiefe Riefen und Kratzer kreisförmig um das Loch, der Reibvorgang muss also wie bei einem Bohrer oder einer Drehbank verlaufen sein (Tafel XXII, Abb.10). Dabei sprangen wohl viele Muschelringe, Bruchstücke in diesem Stadium waren besonders häufig anzutreffen. Offensichtlich wurde dann das Loch so weit ausgeschliffen, dass die Wände fast senkrecht und glatt erscheinen. Typisch für die vollendeten Ringe von Choiseul (auch für die schweren mau lawata) scheint ein verbleibender kleiner Grat oder Knick in der Mitte der Innenwände zu sein.

2. Nuatambu 20. - 24. 12. 2007

Nuatambu (Tafel XXIII, Abb.14) gilt als der Geburtsplatz der “kesa“- Muschelgeldringe schlechthin. Die Bewohner von Nuatambu selbst scheinen die Sage alle aus den gleichen Quellen zu kennen, sie erzählen sie fast ohne Variation: Vor vielen Generationen kam ein großes Segelschiff über die Insel Wagina (Vaghena, an der Südostspitze von Choiseul) nach Nuatambu. An Bord waren zwei hellhäutige Männer namens Pongo und Kupi, die sich auf der Insel ansiedelten und anfingen, kesazu machen. Kupi reiste um die ganze Insel, um Muscheln zu bekommen, und Pongo arbeitete an den Ringen. Die Leute kamen bald von nah und fern, um kesa abzuholen. Auf meine Frage, was sie als Gegengabe oder Leistung gegeben hätten, gab es keine Antwort. Fest steht jedenfalls, dass nicht die Ahnen, sondern der hellhäutige Ausländer Pongo alle kesa – Ringe gemacht habe. Er hatte göttliche Gaben, oder war er sogar ein Gott? Eine andere Version kann man bei Scheffler (1965, Big Men S.21) nachlesen, auf Choiseul habe ich sie nicht gehört. Hier ist es der Wassergott Bangara Laena, der kesa in den Tiefen des Meeres für die Menschen herstellte. Er brachte sie ans Ufer, wo die Menschen von Choiseul in Nuatambu ein großes Haus gebaut hatten, und stapelte sie dort auf - die kleinen vorne, die großen im hinteren Teil. Als er fertig war, war das Haus voll. Da kamen die Menschen aus ganz Choiseul, und jeder nahm sichkesa, und schenkte Laena Schweine. Die Leute aus Varisi, Taula, Bambatana und Ririo im Norden und Westen waren schnell da, sie bedienten sich an den kleinen Ringen vorne am Eingang, die aus Sengga und Kumboro vom Südosten waren langsamer und kamen so in den Besitz der größeren, wertvolleren kesas. Bald kam es zum Gerangel zwischen den Häuptlingen, und vielekesas fielen auf den Boden und gingen zu Bruch - daher die vielen Bruchstücke auf Nuatambu. Laenaversprach, wiederzukommen und mehr Ringe zu bringen, aber er wurde in einen Kampf mit einer anderen Gottheit, Nggola, einer Schlange, verwickelt und verlor sein Leben, indem er in einem Erdofen gebraten wurde.

Eine dritte Variante schreibt Guso Piko (Choiseul Currency, 1975, S.100):.Die alten Leute erzählen,kisa sei von einem unbekannten Ort durch einen Vogel, kupi, nach Choiseul gebracht worden. Kupiist der englischeheron, ein langhalsiger Seevogel (Reiher). Der Vogel brachte die kesanach Nuatambu. So kam es, dass die Leute in Nuatambu zuerst das Geld hatten. Später begannen einige Leute von Choiseul, miteinander zu kämpfen, um auch kisa zu bekommen, andere verteidigten ihrs. So zerbrach fast alles Geld, und nur wenige kisa blieben heil und wurden von den Leuten mitgenommen. Nur diese existieren heute..

Allen Geschichten ist eigen, dass sie in mystischer Vorzeit handeln, und dass die kesa-Produktion nur über eine sehr kurze Zeitspanne stattfand.

Die Insel Nuatambu besteht aus zwei Bergen, die durch eine Sandbank verbunden sind. Auf dieser in letzter Zeit bei Flut häufig überspülten Sandbank stehen die auf Stelzen gebauten Häuser (Tafel XXIII, Abb.16).

Ich werde nach einigen Stunden Bootsfahrt bei Gandly Galo (Galoghasa), einem Vetter meines letzten Gastgebers und Bootsführers, abgegeben, kann dort die nächsten Tage wohnen. Gandly Galo wohnt aber nicht auf der Insel selbst, sondern direkt gegenüber auf dem Festland. Er hat eine ganze Kiste voll Muschelringen und Bruchstücken, alle sind auf der Insel gefunden. Die größten messen im Durchmesser etwa 16 cm (Tafel XXIV, Abb. 22 und 23).

Hier sind, anders als bei den Fundstücken von Sokara, auch viele Stücke des kesa - Typs dabei, d.h. dünne, hohe Ringe. Ich errechne aus den Bruchstücken einen Außen-Ø von 7,4 bis 8,4 cm. Kein Stück zeigt eine scharfe Kante, wie sie für viele kesa- Ringe typisch ist. Interessant ist ein sehr frisch aussehendes, d.h. nicht verwittertes oder durch das Seewasser abgeschliffenes Bruchstück, das eindeutig Gänge von Bohrwürmern zeigt, d.h. aus fossiler Muschel hergestellt sein muss (Tafel XXIX, Abb.24).

Einige Bruchstücke - ich fand später auf der Insel noch weitere – stammten von recht schmalen, sehr dünnen, zum Teil auf der Oberfläche gerieften Armreifen. Auch hier hatte ich bei einigen den Eindruck, dass schmale Armreifen von breiteren abgesägt werden sollten, das Werkstück dabei jedoch zerbrach (Tafel XXIX, Abb.24 und 25).

Ganz offensichtlich war diese Muschelwerkstatt keineswegs spezialisiert auf bestimmte Formen. Hier wurde alles hergestellt, was aus Tridacna herzustellen war: kesa - Ringe, flache Muschelringe, feine, dünne (Schmuck-) Armringe und auch barava, die berühmten durchbrochenen Platten als Abschluss und zur Verzierung von Schädelhäuschen (Tafel XXIX, Abb. 26).

Ich hatte immer angenommen, die sehr exakt runden Löcher in den Muschelgeldringen von Choiseul wären, wie bei unseren steinzeitlichen Steinäxten, mit Hilfe eines Hohlbohrers, etwa eines Bambusrohrs und Sand, gebohrt. Diese Annahme war den Fundstücken nach zu urteilen falsch. Es zeigten sich aber auch keine Spuren, dass die Löcher gesägt wurden, wie in der Gegend von Taro oder in der New Georgia-Gruppe, von wo wir viele ausgesägte Kerne kennen. Die Spuren an nicht vollendeten Ringen zeigen dagegen deutlich konzentrische Bohr- und Schleifspuren, bei denen der gesamte Kern durchgeschliffen wurde. Die Wände des Lochs laufen nach innen stark zu, wie bei einer Sanduhr oder einem Togo-Stein; dazu kann man bei vielen der zerbrochenen und daher unvollendeten Stücke deutliche und tiefe Riefen vom kreisförmigen Schleifen sehen. Meiner Vermutung nach muss es sich bei dem Werkzeug um einen unregelmäßigen, groben Stein gehandelt haben, nicht um Holz mit Sand als Schleifmaterial. Damit hätten keine so tiefen Riefen entstehen können. Vielleicht ist hier der Korallensand nicht scharfkantig genug zum Schleifen von Tridacna- und anderen Muscheln? Andererseits ist nicht nur in anderen Gegenden das Sägen mit Hilfe von Schnüren und Sand bekannt gewesen. Zwei kleine Bruchstücke von Barava- Platten, von mir gefunden zwischen den Taro-Pflanzen auf der Insel, zeugen auch hier, dass die Technik des Sägens bekannt war und Anwendung fand (Tafel XXIV, Abb.21 Mitte). Vielleicht würden sich bei einer systematischen Grabung auch Werkzeuge finden lassen.

Anhand der mir vorgelegten Fundstücke (Tafel XXIV, Abb.20 und 21) lässt sich die Herstellung der dünnwandigen kesa- Ringe leider nicht rekonstruieren. Eins der Fundstücke besteht aus einem massiven runden Muschelstück, ähnlich eines kleinen Zylinders (Abb.21, rechts unten). In die eine Flachseite ist eine halbrunde Vertiefung gebohrt oder geschliffen. Es könnte sich hier um ein angefangenes Stück eines Kesa-Rings handeln, allerdings ist der Durchmesser hierfür zu knapp. Vielleicht wurde es als eine Art Hammer verwendet zum Knacken einer wohlschmeckenden Nuss. Normalerweise werden dafür heute kleine, vermutlich sehr alte Steinhämmer verwendet (Tafel XXII, Abb.9 unten).

Zweifelsfrei handelt es sich bei dem für Ringe verwendeten Material immer um Tridacna-Muschel, nicht um die Hinterlassenschaften von Bohrmuscheln.

Interview des Paramount-Chief, des höchsten Oberhauptes der Gegend, Ponesi Parepare, mit Hilfe von Gandly Galo, der auch als Übersetzter fungierte (Tafel XXV, Abb.27 und 28). Dem Paramount Chief sind die anderen Chiefs, auch der von Nuatambu, untergeordnet. Ponesi Parepare ist etwa 85 Jahre alt (“geboren lange vor 1927“), fast blind.

Er versucht, die Namen der Ringe des kesa- Typus zu rekonstruieren (hier nach der Aussprache geschrieben, Akzente bezeichnen die betonte Silbe):

1 Ring = moko, wurde nie als Geld benutzt. Würde auch lupe(= “Teil“) genannt. Der Name “mata“ von der Südküste war auch ihm unbekannt.

3 Ringe (d.h. ein Paket): sálaka.

3 x 3 Ringe (d. h. 3 Pakete): kesa.

2kesa, d.h. 18 Ringe: gilabari.

3kesa, 27 Ringe: galo röpasa

4kesa, 36 Ringe: galo zuku

5kesa, 45 Ringe: galo rugisi (ruquisi)

10kesa, 90 Ringe: galo sape.

Wie schwierig die Erfassung von Namen und Begriffen ist, kann vielleicht ermessen werden, wenn einige Angaben mit Informationen aus der Literatur verglichen werden.

Bei Guso Piko, Choiseul Currency (Honiara Museum, 1976) wird mit kalusape (galo sape) ein einzelner sehr großerkesa-Ring bezeichnet(„Kisa of large demoninations such as kalusape (highest single kisa) ...“) . Durchaus möglich, dass mein Informant einen solchen Ring meinte, aber über den Gegenwert in “normalen“ kesas sprach! Auch ein deutscher Banker würde wahrscheinlich keinen Unterschied bemerken zwischen zwei 50 und einem 100 Euro-Schein. Möglich auch, dass Guso Piko etwas falsch verstanden oder aufgeschrieben hat. Oder dass die Begriffe in den verschiedenen Sprachen Choiseuls unterschiedliches bezeichnen. Piko verwendet die Avasö- und Atasavö-Sprache; in dieser heißt die kesa der Katavi-Sprache “kisa“, wobei in Avasö mit dem Wort kesaein großes Geld bezeichnet wird, welches nach der kisaam zweithäufigsten benutzt werde...

Ponesi Parepare berichtet weiter: Ein Brautpreis hätte früher gewöhnlich 5 kesa = 45 Ringe betragen. Die Choiseul-Leute wären gekommen und hätten den Chief gefragt, und von diesem die Ringe bekommen. Von Gegengabe sei keine Rede gewesen. Aber zu seiner Zeit (d.h. seit mindestens 80 Jahren) seien die kesa - Ringe nicht mehr als Brautpreis verwendet worden. (Dies kann hier natürlich auch mit der Missionierung durch Sieben-Tage-Adventisten zusammenhängen, die ja Brautpreise und andere Traditionen ablehnen).

Ziku, die kleineren Muschelringe mit natürlicher Oberfläche (Tafel XXII, Abb.13 rechts Mitte, aber auch alle anderen Ringe in Armring-Größe), sei zusammen mit kesa als Brautpreis verwendet worden, aber nicht ohne kesa.Kesa sei wertvoll gewesen, ziku weniger.Ziku sei auch als Schmuck verwendet worden (sicher war gemeint: Schmuckringe wurden auch ziku genannt, denn die ziku - Ringe sind normalerweise zu klein zum Tragen). Vielleicht sei zikuauch zu anderem gebraucht worden, aber das sei heute unbekannt. ziku undkesa stammen aus der gleichen Zeit, sie wurden zusammen verwendet, d.h. sie seien gleich alt.

Das Muschelgeld sei nicht von ihren Ahnen gemacht worden, sondern von dem Weißen Pongo, der mit einem Segelboot gekommen sei und 30 Jahre auf der Insel gelebt habe. Pongo und sein Komplize Kupi brachten das Material von anderen Orten, und die Herstellung sei geheim gewesen. Das wäre nicht zu seiner Zeit geschehen, sondern vor 19 Generationen. Chief Ponesi Parepare zeigte mir eine handschriftliche Liste mit den Namen der 19 Häuptlinge vor ihm. Bei einer angenommenen “Regierungszeit“ von 20 Jahren würde er seinen Stammbaum etwa 400 Jahre zurückverfolgen können!

Ich befragte Ponesi Parepare auch über die großen Muschelgeldringe mit 10 und mehr kg, mau lawata (Tafel XXI, Abb.2). Vor 30 oder 40 Jahren hätten sie noch hier unnütz herumgelegen. Er würde sich erinnern, dass sie diese großen Ringe auch als Anker benutzt hätten, um ihre Boote festzubinden. Sie hätten ja nicht gewusst, dass sie später mal wertvoll würden. Auch sie seien nicht so hoch geschätzt gewesen wie kesa. Sie seien vielleicht für andere Zwecke gebraucht worden, aber das sei heute nicht mehr bekannt. Eigentlich seien sie an das Land gebunden, sie seien ein Symbol der Rechte des Landbesitzers und wären auch auf dem Land aufbewahrt worden. Es war nicht erlaubt, sie zu verkaufen, nur an die Landbesitzer.

- Diese Information war jedoch sehr konfus und auch meinem Dolmetscher nicht richtig verständlich, zumal auch das Landrecht selbst ziemlich kompliziert zu sein scheint. Eine weitere unklare Information besagte, andere Einheimische hätten die großen Ringe mitgenommen und in anderen Gegenden verwendet.

Mein Gastgeber und seine Familie geh ören, wie alle Bewohner der Gegend zwischen Nuatambu und Sokara, der Sekte der Sieben-Tage-Adventisten (SDA) an, die bekanntlich allen “heidnischen“ Traditionen feindlich gegenüberstehen. Trotzdem hat sein Sohn vor etwa 6 Jahren Brautpreis bezahlt: Seine Frau ist eine Kwaio von der Insel Malaita. Da er nicht das richtige Muschelgeld (d.h. Ketten) hatte, zahlte er 5.000 Salomon Dollars, etwa 500 €in bar. Auch Gandly Galo selbst ist mit einer Frau von Malaita verheiratet, er zahlte aber keinen Brautpreis, da sich die Eltern gut kannten - ihr Vater war ein Verwaltungsbeamter. Frauen von Malaita scheinen sehr begehrt zu sein. Sprachliche Probleme überbrückt man mit Englisch oder Pidgin. Viel wichtiger als die Sprache ist die gemeinsame Religionsgruppe: unvorstellbar, etwa eine Katholikin oder Methodistin nach Hause zu bringen. Vermutlich sind die landesweiten Treffen der SDA und anderer religiöser Gruppen heute gute Kontakt-Börsen für junge Leute. Die dadurch herbeigeführte Vermischung ethnischer Gruppen bewirkt natürlich auch einen Verlust von lokalen Traditionen und Muttersprachen.

Nach 4 Tagen paddeln wir endlich im Einbaum zur Insel Nuatambu. Ich verstand jetzt, warum mein Gastgeber dies am liebsten verhindert hätte: Nach unserer Ankunft werde ich ins Versammlungshaus gebeten, ein Mann geht durch das Dorf und bläst die Muschel-Trompete, bis sich das Haus mit jungen und alten Männern füllt (Tafel XXIII, Abb.18). Dann folgt eine hitzige, über eine Stunde dauernde Debatte, ob mir der Zutritt zur Insel erlaubt werden soll, wie viel ich dafür zahlen muss, ob mein Gastgeber überhaupt das Recht hatte, mich aufzunehmen, ohne die Gemeinschaft zu fragen, etc. Ich muss eine Rede halten, meine Arbeit erklären, was ich mit meinen gesammelten Informationen vorhabe. Schließlich setzt sich mein Gastgeber durch, ich darf gegen einen akzeptablen Betrag von 5 € (erst war die Rede von etwa 100 €) auf der Insel bleiben und mir die Stelle, an der die Bruchstücke gefunden wurden, ansehen, nicht jedoch die (längst zerstörten) ehemaligen Heiligtümer auf dem Berg. Auch dem alten Mann, dem das strittige Land gehört, muss ich das Gleiche bezahlen (Tafel XXIII, Abb. 17). Die Fundstelle liegt auf dem flachen Landstück, direkt am Fuße des Berges (Tafel XXIII, Abb.15, rote Pfeile, Abb.16, linker weißer Pfeil). Eine zweite Fundstelle gibt es auf der anderen, südöstlichen Seite, aber da dürfe ich nicht hin: Dieser Teil des Strandes sei die “Damen-Toilette“ des Dorfes... (Abb.16, rechter weißer Pfeil).

Die anfangs ziemlich feindselige Stimmung lockert sich, ich tausche die Email-Adresse mit einem Einheimischen aus, der in Honiara arbeitet. Hier gibt es Strom und das nächste Telefon erst in 100 km Entfernung – Muscheltrompete statt Hightec!

Eine Horde Kinder folgt mir und sucht begeistert zwischen den Taro-Pflanzen nach Stücken von Muschelringen (Tafel XXIV, Abb.19). Auch hier finden wir ein Bruchstück eines Armrings mit Verzierung in feinen parallelen Rillen, und sogar ein Stück eines schmalen Armreifs, der offensichtlich repariert wurde, denn er zeigt neben der Bruchstelle Bohrlöcher. Steine oder andere Objekte, die als Werkzeug gedient haben könnten, finden wir nicht. Ich bekomme auch keine vollständigen kesa- Ringe zu sehen, bis der Bruder meines Gastgebers am Abend einen Pappkarton mit fünf Ringen mitbringt. Er habe mehr gehabt, aber jemand habe sie genommen (Tafel XXV, Abb.32 und 33).

Er demonstriert mir das Einpacken in die Blätter der Sago-Palme (engl. Ivory nut), die auch als sehr haltbares Material zum Decken der Dächer Verwendung finden. Jetzt erfahre ich auch, warum die Ringe auf der Außen- und Innenseite so rau sind: Als Schutz vor Diebstahl durch böse Geister und andere sollen die Ringe nicht im Haus aufbewahrt werden. Man vergräbt sie an geheimen Stellen in der Erde, an Tabu-Plätzen, die auch Frauen nicht besuchen dürfen.

Vermutlich greift die Säure im Boden den Kalk der Ringe an und zersetzt die Oberfläche, wodurch sie rau wird. Auch die häufig anzutreffenden Verfärbungen lassen sich so erklären.

Guso Piko schreibt über das Einpacken, das mir sehr profan und unter Lachen am Küchentisch (d. h. unter dem Haus) vorgeführt wird, dass die lüpe (die einzelnen Ringe in Avasö-Sprache) zusammenbleiben müssten, damit die Ringe nicht durcheinander gerieten. Dafür würden sie jedes Jahr neu eingepackt, bei sehr feuchtem Boden auch öfter. Wahrscheinlich wird es schwierig, Ringe von leicht unterschiedlichem Durchmesser einzupacken, da ja die scharfen Kanten aufeinander stehen. Er nennt das Loch, in dem die Ringe vergraben würden,nggolokisa. Nach seiner Beschreibung war das Öffnen, Messen und wieder Einpacken der Ringe bei einer Transaktion mit bestimmten Riten verbunden: Es musste im Haus vorgenommen werden, keine Hunde oder Kinder durften das Haus betreten, und sogar die Fenster mussten geschlossen werden, falls der Wind blies. Zuerst wurden drei Ringe, ein Salaka, aneinander gehalten, sie mussten perfekt aufeinander passen. Drei dieser Dreierp äckchen, neun Ringe, wurden nun vorsichtig auf dem gesäuberten Boden übereinander gestellt. Dann wurde dieser Stapel mit der eingekerbten Marke verglichen, die der Besitzer in seiner Kriegskeule angebracht hatte, um zu zeigen, dass es sich um genau diesen Stapel von Ringen handelte.

Während ich mich in Nuatambu aufhielt, starb der Sohn eines Einwohners in einem nahen Holzfällercamp. Obwohl außer Frage stand, dass der Tod durch Herzversagen, nicht durch einen Arbeitsunfall eingetreten war, herrschte doch die Meinung, dass die Logging-Company bei dem Rücktransport der Leiche eine Kompensation an die Familie hätte zahlen müssen - ein Sack Reis wenigstens. Es ging dabei offensichtlich nicht um die Höhe oder den Wert, sondern um die Geste und die Tradition. Früher wäre eine solche Kompensation typischerweise in kesa bezahlt worden; 5 kesawäre ein Höchstbetrag gewesen, wenn jemand etwa starb, indem er vom Baum fiel,während er bei der Nussernte half (Scheffler Social Structures S.203). Ich setze meine Fahrt an der Küste entlang mit dem Passagierschiff, der Lauru I, fort. Abends ankert sie vor den Riffs, ich werde dann mit dem Beiboot an Land gebracht und kann dort irgendwo übernachten. Die Abende an Land nutze ich natürlich zu Gesprächen über Muschelgeld.

3.Pangue (Methodisten, United Church) 25. 12. 2007

Ranjeev McDonnell Taniveke, etwa 35Jahre: “Als Brautpreis gibt man 3 bis 5 kesa [27 bis 45 Ringe]. Wenn mehr verlangt werden, sollen die Eltern der Braut ein Stück Land dazu geben, oder ein großes Fest veranstalten. Auch heute ist die Gabe von kesa bei manchen Leuten noch üblich“. Ziku, die kleineren Ringe mit Muschel-Oberfläche und die glatten Armringe, seien nicht so wertvoll. Vielleicht würden 10 zikueinekesa ausmachen (was im Grunde bedeutet, die Ringe seien ziemlich gleichwertig, denn 1 kesa besteht ja aus 9 Ringen!).

Scheffler (Big Men S. 22) bestätigt schon für 1965 diese Angaben: Ziku sei notfalls auch als Zahlungsmittel einsetzbar, aber nur wenn keine oder zu wenige kesa-Ringe vorhanden wären. Der Wert sei dabei etwas geringer als der vonkesa - ein Satz kesa, 9 Ringe, entsprächen etwa 10 ziku-Ringen. Auch sie wurden vergraben, um sie vor Diebstahl zu schützen.

In dem wichtigen Werk Choiseul Island Social Structure (1965) schreibt Scheffler (S. 168), dass viele Männer feststellten, daskesa heute . d. h. in den frühen sechziger Jahren - fast nutzlos sei (“Many men realize that kesa is nearly useless today“...). Schon damals war die Zahlung von Brautpreis - vom Choiseul Council auf maximal ein kesabegrenzt - nicht mehr allgemein üblich.

4.Susuka (Methodisten, United Church) 26. 12. 2007

Edison Biliki, 50 Jahre: Kesawird heute noch als Brautpreis verwendet, normalerweise 3 kesa[= 27 Ringe], das entspräche 3.000 Salomon-$ [300 €].

Einzelne Ringe [des kesa- Typs] werden nur in bestimmten Fällen eingesetzt. Ein einzelner Ring heißt in der hiesigen Sprache (Singa-Language) kakalju. Der Name löpewird auch benutzt. In Bobokuana würde man einen einzelnen Ring matanennen.

Es gäbe eine besonders große Sorte Ringe vom kesa- Typ, genannt basana. Diese Ringe seien sehr wertvoll und würden nicht als Brautpreis, sondern nur in ernsten Fällen, als Kompensation für einzelne Personen oder Gruppen (tribes), verwendet. 1 salakadavon (3 Ringe) würde als Kompensation genügen.

Später wurde mir in Taro ein solcher großer Ring angeboten (Tafel XXV, Abb.30). Der Mann stammte aus Boe, Panarue, und nannte ihn in seiner Sprache kabo, auchziku kesa. Er maß ihm einen sehr hohen Wert zu.

Zikuwürde benutzt, um ein Schwein zu kaufen, nicht als Brautpreis. Für 1 bis 2 zikubekäme man ein Schwein (erscheint mir allerdings als zu billig). Ziku ersetztkesa nicht, aber man kann ziku zusätzlich zu kesa - Ringen einsetzten.

Der Gegenwert von 3.000 S$ für 3 kesa (27 Ringe) ist plausibel. Die Lauru Land Conference, eine Art lokaler Regierung, setzte diesen Wert vor einiger Zeit fest, um Missbräuchen und Wucherpreisen Einhalt zu geben, gleichzeitig den traditionellen Wert in eine Relation zum offiziellen Geld zu stellen. Ich konnte in einigen Orten einzelne kesa - Ringe erwerben, der geforderte Preis entsprach immer 110 S$ pro Einzelring.

7. Vurago Village 27. 12. 2007

Mr. Mackenzie: Die kesa - Ringe werden versteckt. Ringe im Haus zu haben ist schlecht, sie werden von Geistern oder Menschen weggenommen. Man versteckt sie an einer Stelle, die für Frauen tabu ist (ich glaube aber nicht, dass Frauen sich für kesa interessieren - ich habe nicht einmal beobachten können, dass eine Frau sich in ein Gespräch darüber einmischte oder überhaupt nur Interesse zeigte).

Das Versteck wurde mir beschrieben als Loch in der Erde, verkleidet mit Steinplatten, als Deckel ebenfalls eine Steinplatte. Diese Aufbewahrung erklärt m. E. die raue, wie angeätzte Oberfläche und die Verfärbungen der kesa – Ringe, hervorgerufen durch die Bestandteile des Bodens.

7. Varisonda

Jack Proban: Ziku oder auch ziku kesasei der Name für Tridacna-Armringe (Tafel XXV, Abb. 31), kesader Begriff für traditionelles Geld (“Custom Money“). Der Brautpreis betrage 3 kesa(27 Ringe). Wenn die Braut eine Tochter eines Chief sei, kämen vielleicht noch 2 kesadazu, oder ein Stück Land. Das Landstück, Ban genannt, gehöre dann dem Tribe, dem Stamm. Manche Chiefs behielten es privat, aber das sei nicht richtig, das würde nicht dem Custom, der Tradition, entsprechen; diese Chiefs seien gready, gierig. Land gehöre dem Stamm, nicht Einzelnen. Der Chief verwaltet es bloß, er sei verantwortlich, auch für die Verteilung. Auch die großen kesa- Ringe [kabo - oder basana - Typ] gehörten dem Stamm, manchmal dem Chief.

8. Nuadua Village, nördlich Taro.31. 12. 2007

In diesem abgelegenen Ort an der Nordspitze Choiseuls, wohnt Rolf Nowak, ein Deutscher, gebürtig 1935 in Essen (Tafel XXVII, Abb.39). Ihn verschlug es in den 60er Jahren nach Choiseul. Er heiratete hier, baute eine Kokosnussplantage auf und hielt Rinder. Aus Alters- und Gesundheitsgründen reduzierte er in der letzten Zeit seine Arbeit. Alle Bewohner Choiseuls kennen ihn - und bedauern ihn ob seiner fünf Töchter: kein Sohn, der die Plantage übernehmen würde. Sein Deutsch hat er weitgehend verlernt und bittet, englisch sprechen zu dürfen. Rolf interessierte sich etwas für exotische Dinge und tauschte Muschelringe und Bruchstücke, die ihm seine Arbeiter oder Bewohner brachten, gegen Kleidung ein. Man kann also davon ausgehen, dass die Objekte seiner Sammlung im engeren oder weiteren Umkreis seiner Plantage gefunden wurden und nicht von entfernten Dörfern oder Inseln stammen.

Von ihm und einigen anwesenden Einheimischen bekomme ich einige wenige zusätzliche Informationen: Rolf hat einen Satz von neun relativ schmalen Ringen mit einem größeren Querschnitt als kesa - Ringe, aber geringer Höhe (Tafel XXVI, Abb.35). Seine einheimische Frau erklärt dazu: Ursprünglich waren es 10 Ringe, einer zerbrach. Der Name dieses Satzes sei mamanuga, das heißt 10. Sie seien sehr alt. (Ich habe bisher nirgendwo eine Bestätigung für den Namen oder diese Geldform gefunden).

Kesa- Ringe seien unterschiedlich groß. Mit den Markierungen am Stil einer Steinaxt, magagenannt (“Manscha“ gesprochen), hätte man früher die Höhe eines kesa - Stapels gemessen und damit den Wert festgestellt. Scheffler schreibt 1965 (Big Men, S.23), die Kesa-Stapel würden mit der Rippe eines Sago-Blattes gemessen, und es gäbe vier verschiedene Höhen und damit Werte von Ringen. Hierüber konnte ich keine Informationen mehr erhalten. Alle kesa – Ringe, die ich bisher gesehen habe, mit Ausnahme des großen kabo - oder basana - Typs, wiesen eine erstaunliche Übereinstimmung in der Größe auf. Auch die auf Nuatambu gesammelten Bruchstücke wichen nicht von dieser Standartgröße ab. Allerdings besitze ich eine Streitaxt mit eiserner Klinge wahrscheinlich deutscher Fabrikation, die von der Südküste Choiseuls stammt und deren langer Stiel am Ende einen merkwürdigen Absatz aufweist (Tafel XXVII, Abb.46). Er entspricht etwa der Höhe eines einzelnen kesa- Ringes. Ob es sich hier um einen Maßstab handelt? Andere Äxte haben diesen Absatz nicht, sondern eine Verdickung am Ende des Stiels (Tafel XXVII, Abb.45).

Auf der anderen Seite wird von Scheffler berichtet, die neun Ringe eineskesa wären zusammen gemessen worden. Dafür hätte man sie aufeinander gestellt - bei den messerscharfen Kanten jedes Ringes ein Geduldsspiel! Ein solcher Stapel würde etwa 42 cm hoch sein, und das entspricht nicht dem Absatz in dem Axtstiel. Allerdings hätten einige die Höhe ihrer kesa-Stapel auf dem Stiel ihrer Kriegskeulen vermerkt.

Die kleinen eisernen Axtköpfe wurden während der deutschen Kolonialzeit als Handelsware und Tauschobjekte nach Choiseul gebracht. Sie waren äußerst beliebt, waren doch die Männer von Choiseul begnadete und eifrige Kopfjäger. Sie versahen die Axtköpfe mit einem langen Holzstil, dadurch konnten sie sie hervorragend als Kampfkeule verwenden, sowohl gegen Weiße als auch gegen einheimische Nachbarn. Ein Verbot von Waffenexporten in Krisengebiete gab es im 19. Jh. ja noch nicht...

In der Sammlung von Rolf befanden sich auch interessante Kerne von Muschelringen, offensichtlich mit einer Schnur und Sand ausgesägt. Um einen Ansatz zum Durchführen der Schnur zu haben, muss zuerst ein Loch gebohrt werden. Bei zwei der ausgesägten Kernstücke wurden die Löcher vorsichtig eingeschlagen (Tafel XXVII, Abb. 40). Bei anderen Kernstücken bohrte der Handwerker das Loch offensichtlich mit Hilfe eines Steinbohrers o. Ä., bevor er die Schnur zum Sägen durchführen konnte. Deutlich sind auf der Seitenansicht die bogenförmigen Sägespuren der Schnur zu sehen (Tafel XXVII, Abb.41 bis 44).

Aber auch in der Sammlung von Rolf Nowak fand ich keine Produktionsrückstände von kesa- Ringen.

Zusammenfassung

Es gab an der Nordostküste von Choiseul mindestens drei Zentren der Muschelring-Herstellung: Sokara, Nuatambu und (nicht überprüft) die Insel Leana, ebenfalls Nordostküste. Mit Sicherheit wurden Tridacna-Muschelringe an vielen weiteren Orten produziert, wie die Produktionsreste in der Sammlung von Rolf Nowak zeigen.

Außer in Nuatambu fand ich allerdings nirgendwo Reste der kesa – Produktion. Reste und Bruchstücke, die gesicherte Rückschlüsse auf die Produktionsmethoden von kesa- Ringen zulassen, habe ich auch dort nicht gefunden. Es gibt zwei Typen von kesa – Ringen: solche mit einer dicken Kante und scharfkantige. In Nuatambu fand ich ausschließlich Bruchstücke des ersten Typs.

Es wurden viele unterschiedliche Modelle von Muschelreifen sowie barave, durchbrochene Steinscheiben, gleichzeitig hergestellt, von einer lokalen Spezialisierung kann wohl nicht gesprochen werden: Kleine Ringe mit welliger Muschel-Oberfläche, große Ringe mit rechteckigem Querschnitt, sehr dünne Ringe mit tiefen Riefen auf der Oberfläche, dünne schmale Ringe etc. Viele Ringe waren wohl in erster Linie für Schmuck vorgesehen (aber auch die waren als Zahlungsmittel verwendbar).

Die Produktion von Muschelringen hörte schon vor langer Zeit auf, zumindest an der Nordküste kann sich heute niemand mehr daran erinnern.

Das Wissen um die Herstellungstechniken ist schon lange verloren gegangen.

Das wichtigste Zahlungsmittel waren die kesa- Ringe. Andere Ringe dienten nur als Kleingeld oder für Ausgleichszahlungen.

Die Einheit als Zahlungsmittel ist .“kesa“, d. h. drei Pakete mit je 3 Ringen. Ein einzelnes Paket mit 3 Ringen heißt salaka. Diese beiden Namen scheinen auf ganz Choiseul verwendet zu werden.

Der Name für einen Ring ist dagegen nicht einheitlich, sondern regional sehr verschieden: mata (= „Auge“), moko,lupe, löpe,kakalju etc. Ich sehe darin ein Indiz, dass einzelne Ringe keine Rolle spielten, dass eben nur die Einheiten von 3 oder 9 Ringen wichtig waren und sich daher nur für diese allgemein gebräuchliche Namen durchsetzten.

Die typische Verpackung von drei Ringen (“salaka“) besteht aus Blättern der Sago-Palme, die auch zum Decken der Häuser verwendet werden. Das Päckchen wird dann mit einer Schnur aus Liane oder Bast umwickelt. Die Verpackung ist nicht sonderlich zweckmäßig, sie schützt nicht vor Bruch der dünnen spröden Ringe, die dazu Kante auf Kante übereinander liegen. Alle mir gezeigtenkesa - Ringe wurden ohne diese Verpackung aufbewahrt, sie lagen in Zeitungspapier gewickelt in Kartons. Ob die Verpackung eine Rolle spielt bei der Übergabe als Brautpreis, weiß ich nicht.

Kesa- Ringe wurden und werden im Boden aufbewahrt. Die raue Oberfläche und die typischen Verfärbungen sind wohl darauf zurückzuführen.

Der Wert eines kesa (9 Ringe) wurde von der lokalen Verwaltung (Lauru Land Conferrence) vor einiger Zeit auf 1.000 S$ (100 €) festgeschrieben. Ich hatte den Eindruck, dass die Einheimischen diesen Wert für recht hoch hielten. Einige waren gerne bereit, einzelne Ringe zu diesem “Umrechnungskurs“ von 110 S$ abzugeben. Scheffler schreibt 1965 noch (Scheffler, Big Men, S.22): .Vor kurzem hat das Choiseul Council beschlossen, dass die kleinsten Kesa-Ringe, die normalerweise bei Transaktionen verwendet werden, 3 ₤in australischer Währung (ca. 6,75 US-$) wert wären.. Damals stand der Dollar noch bei 4 DM, ein Ring entsprach umgerechnet also 13,80 €.

Heute werden kesa - Ringe angeblich noch für den Brautpreis verwendet. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, als wenn diese Tradition noch regelmäßig oder mit viel Enthusiasmus, wie etwa auf Malaita, durchgeführt würde.

Im südöstlichen Teil der Insel spielten ziku, breite Ringe mit deutlich gewellter Muschel-Oberfläche und einem relativ kleinen Loch, eine gewisse Rolle als Zahlungsmittel. Im Norden fand ich diese Art Ringe nicht mehr.

Im Nordosten herrschte ein meist von der Insel Vella Lavella bekannter Muschelring vor: Fast quadratischer Querschnitt, mit deutlichem gelbem Abschnitt, der vom Schlossteil der Muschel herrührt. Außerdem gab es hier Muschelringe mit rundem oder ovalem Querschnitt, die vorwiegend als Armringe getragen wurden. Auch diese Ringe heißen ziku.

Ziku sind notfalls auch als Zahlungsmittel einsetzbar, aber nur wenn keine oder zu wenige kesa-Ringe vorhanden waren. Der Wert war dabei etwas geringer als der von kesa - ein Satz kesa, 9 Ringe, entsprachen etwa 10 ziku- Ringen. Auch sie wurden vergraben, um sie vor Diebstahl zu schützen (Scheffler Big Men S. 22, .

Fest steht, dass es die Ringe des kesa- Typs nur auf Choiseul gibt, nirgendwo sonst.

Es ist aber gut möglich, dass andere auf Choiseul hergestellte Muschelringe nach Neuirland und auf andere Inseln des Bismarck-Archipels gehandelt wurden. Dieses zu untersuchen wäre sicher eine interessante Aufgabe und nur mit Hilfe von naturwissenschaftlichen und archäologischen Methoden möglich. Um die Bewohner vor Ort zu befragen, kommen wir zu spät.

Die unterschiedlichen Typen von Muschelgeld-Ringen

Ich habe versucht, die einfachen Muschelgeld-Ringe der Salomonen und anderen pazifischen Inseln unabhängig von ihrer Größe nach ihren Erscheinungsformen zu klassifizieren. Unberücksichtigt bleiben hier Ringe mit Aufsätzen oder anderen besonderen Verzierungen.

 

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