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Eisen-Kugelgeld aus Borneo - kein Zahlungsmittel, sondern ein Fantasieprodukt für Touristen
Iron bullet money - creations of imagination for tourists
Die bemerkenswerte Geschichte eines Talismans
Pierre Rene Bauquis
(übersetzt von I.Braun)
Nachdem ich durch Zufall bei Händlern Eisenkugeln und Eisenscheiben gefunden hatte, auf denen Muster sowie arabische, chinesische und javanische
Schriftzeichen eingraviert waren,wollte ich wissen, woher sie kamen und welchem Zweck sie dienten. Die Nachforschungen bei diesem "Fährten -Such-Spiel" erwiesen sich als besonders informativ - was die
Mentalität und Ansichten der einzelnen Händler, Fachleute und anderen, sowohl indonesischen wie ausländischen, daran beteiligten Akteure betraf.
Abb. 1: Eisenkugel mit chinesischen Schriftzeichen und dekorativen Verzierungen
Die Antwort auf alle Fragen ist recht unerwartet, und ich möchte hier besonders Henri Chambert-Loir und Claude Guillot
danken, ohne deren Hilfe meine Nachforschungen wohl keinen Erfolg gehabt hätten.
Es begann alles damit, daß ich im Juni 1981 in einem 'toko antik'.einem Antikgeschäft in Balipapan, der Hauptstadt von
Ost-Kalimantan herumstöberte. Dabei fand ich eine Handvoll ziemlich rostiger Eisenkugeln in der Größe von Kirschen bis hin zu
Walnußgröße (Abb.2). Sie waren graviert mit geometrischen Figuren (Spiralen,Strichen, Punkten, Linien etc.), einigen
abgegriffenen Mustern (Sternen, Gesichtern, Drachen) und zum Teil mit Inschriften aus arabischen Schriftzeichen (Abb.2
u.3).Bei diesen Kugeln fand ich auch einige Scheiben aus dem gleichen Material mit vielfältigeren Designs. Ihr Durchmesser
betrug etwa 5 cm, und die Gravuren zeigten eine kuriose Mischung aus chinesisch inspirierten Mustern und arabischen
Inschriften (Abb.4). Auf den ersten Blick sah es so aus, als habe man die Verzierungen und Inschriften eingeätzt.
Der Händler versicherte mir, es handele sich hier um "Projektile" und um "Geld der Dayaks" (Dayak bullets,uang Dayak). Diese
Behauptung überraschte mich nicht, da alles, was Antiquitätenhändler von Balikpapan vorbeikommenden Touristen (wobei es
sich im wesentlichen um im Ausland lebende, bei Erdölfirmen Beschäftigte handelt) verkaufen, wird als "Dayak" bezeichnet.
Da ich schon seit langem ein starkes numismatisches Interesse hatte und diese Stücke auch aus ästhetischer Sicht attraktiv
fand, entschloß ich mich bald, ernsthafte Nachforschungen über diese sog. "Projektile" oder "Zahlungsmittel" anzustellen.
Abb.2 : Eisenkugeln in Kirschen-bis Walnußgröße
Eine langwierige Suche
Zurück in Jakarta befragte ich einige Leute über Herkunft und Natur dieser Stücke, ohne aber seriöse Informationen zu diesem
Thema zu erhalten. In der Literatur fand ich zunächst keinen Hinweis und zu meiner Überraschung schien auch kein Werk, kein
Artikel aus der Kolonialzeit diese Stücke zu erwähnen. Besonders die wenigen Arbeiten, die sich der indonesischen
Numismatik widmeten, schwiegen sich zu diesem Thema aus. H.C.Millies z.B., der mit seinem Werk (1) noch heute die führende Autorität auf diesem Gebiet ist, erwähnt in seinem Buch nichts Vergleichbares.
Abb.3: Eisenkugeln mit geometrischen Figuren, Inschriften und Verzierungen
Abb.4: Eisenscheibe
Schließlich fand ich eine Veröffentlichung, eine Beschreibung mit zahlreichen Fotos,die sich zweifelsohne mit 'meinen' Kugeln
befaßte. Michael Mitchiner widmet in seinem Buch (2), das künftig sicher als Nachschlagewerk auf dem Gebiet islamischer
Numismatik verwendet werden wird, diesen Stücken drei Seiten (S.474-476) mit zahlreichen Fotos und schreibt dazu:
"Eisenwährung der nordöstlichen indonesischen Sultanate.
Kleine, rechteckige Eisenbarren wurden in Brunei und anderen Teilen Borneos als Währung verwendet, das Metall wurde auf
anderen ostindonesischen Inseln gefördert und war geschätzt. Die Eisenstücke, um die es sich hier handelt, sind unregelmäßig
rechteckig bis kugelförmig und tragen arabische Inschriften. Ein Teil der Stücke gelangte über Singapur, ein Teil über
Hongkong in den Westen - erstere wurden angeblich auf Borneo gefunden. Ihre Legenden ähneln jenen, die man auf
indonesischen Geld-Kris findet.Ihre Form könnte als Weiterentwicklung der 'bohnen'-förmigen Münzen von Srivijaya gesehen
werden, analog der Entwicklung des "Kugelgeldes", das in westlicheren Regionen verwendet wurde."
Dieser Fußnote folgt die Beschreibung der dargestellten Stücke:
".. .Die Muster sind geätzt, nicht eingraviert, geschlagen oder gegossen... Das Design wurde offensichtlich mit einem
säureresistenten Harz aufgetragen. Dann wurde das Stück in Säure getaucht, um den Hintergrund wegzuätzen."
Mitchiner erwähnte nur die kugelförmigen, nicht die flachen Stücke (Abb.5 und 6 als weitere Beispiele dieser Art). Ich teilte ihm
deren Existenz mit (Anm.). Vor allem aber wollte ich erfahren, welches seine Quellen und Belegstellen waren. Seine Antwort
zeigte, daß er sich seiner Zuordnung gar nicht sicher war, daß dieses "Geld" vielleicht gar keines war. Er stellte eine neue
These auf, wonach es sich hier auch um 'Tempelgeld' (religiöse Opfergaben) handeln könne. Er bat mich schließlich, zu diesem
Sujet weitere Nachforschungen anzustellen, um die Interpretation, die er in seinem Werk veröffentlicht hatte, zu bestätigen oder
zu widerlegen. Diese stachelte natürlich meine Neugier an, gab meinem Forschungsdrang neuen Auftrieb.
Bisher stand also zweierlei fest:
1. Keiner der befragten Händler oder Amateursammler hatte offenbar die geringste seriöse Idee von der Art, dem Alter oder
der Herkunft dieser 'Zahlungsmittel'.
2. Die Stücke schienen erst in jüngster Zeit in der ganzen Welt aufgetaucht zu sein, genaugenommen seit 1977. Die Händler
boten sie in ihren Katalogen interessierten Münzsammlern mit Beschreibungen an, die auf Mitchiners Ausführungen basierten.
Anmerkung: Mitchiner beschreibt anschließend 3 solcher Eisenscheiben in seinem Buch (3) Er stellt u.a. fest:..."Diese
Stücke...scheinen aus Java zu stammen. Sie könnten wohl in Südjava während des 19.Jahrhunderts örtlich als Zahlungsmittel
gedient haben. Es besteht jedoch andererseits die Vermutung, es handele sich hier .um 'Tempelgeld' " (S.413) Abbildungen Nr.3133 (S.413), Nr.3134 und 3135 (S.414) (I.Braun)
Ich möchte hier 5 Beispiele zitieren - es ließen sich aber weitere entsprechende Auskünfte finden:
-"France Numismatique" (Mulhouse) erwähnt in Katalog 191 vom 15.Nov.1981 "Eisengeld aus Borneo mit geometrischen
Desings" und bezieht sich auf bezieht sich ebenfalls auf Mitchiner
- Ein amerikanischer Händler, Spezialist in Primitivgeld, bietet in seinen Katalogen ähnliche Stücke an und bezieht sich
ebenfalls auf Mitchiner (5). Es soll hier besonders erwähnt werden, daß dieser wißbegierige redliche Händler diese Objekte
sofort aus seinem Katalog nahm, als ihm Zweifel an deren Authentizität kamen. An dieser Stelle möchte ich ihm für seinen interessanten Brief danken, den er mir zu diesem Thema am 10.Nov.1981 geschrieben hat.
- Die EUCOPRIMO (European Union to search for, collect and preserve primitive and curious money, Landau, Bundesrepublik
Deutschland) schrieb, daß diese Eisenkugeln den Mitgliedern zwar "wohlbekannt" waren, "ihr Verwendungszweck und ihre Herkunft aber obskur blieben".
Abb.5: Eisenscheibe
Abb.6: Eisenscheibe
- Ein weiterer Spezialist, den ich befragte, war Reverend Richard Plant,Verfasser des wertvollen kleinen Handbuches
'Arabische Münzen und wie man sie liest'. Er schrieb, daß nach seiner Meinung die kugelförmigen Stücke wohl Geld, die
scheibenförmigen Exemplare (siehe auch Abb.7) aber religiöse Medaillen waren und somit der Gattung 'Tempelmünze'
oder'Talisman' zuzuordnen seien. Richard Plant wies mich darauf hin, daß er solche Eisenscheiben 1979 auf der Münzbörse in New York erworben habe.
- Ein Fachmann, der als Experte auf dem Gebiet ostasiatischer Kunst für ein großes Londoner Auktionshaus tätig ist, erklärte
seinerseits, es müsse sich um Stücke handeln, die "möglicherweise von Cheribon (Cirebon)" und "aus dem 19.Jahrhundert" stammten.
Abb.7: Eisenscheibe
Das Durchforsten der vorhandenen Literatur und die Befragung einer recht großen Anzahl kompetenter Leute konnte wenig
Licht in diese Sache bringen. Auch die von mir erbetene Veröffentlichung eines Fotos durch die Zeitschrift 'Arts of Asia' (Sept./Okt.-Heft, 1982, S.14) brachte praktisch kein Resultat.
Da meine Wißbegierde weiterhin unbefriedigt blieb, beschloß ich,parallel dazu meine Nachforschungen am Objekt
wiederaufzunehmen: ich erwarb die größtmögliche Vielfalt und Anzahl gleichartiger Stücke, um vielleicht über das Studium der Gravuren und Inschriften Antwort auf meine Fragen zu erhalten:
Wer hatte diese Stücke herstellen können?
Wann?
Zu welchem Zweck?
Die Händler von Jakarta wußten schnell Bescheid, woran ich interessiert war und boten mir bald neue Typen an. Auch auf
Reisen nutzte ich die Gelegenheit, bei Händlern in Singapur weitere Exemplare zu erwerben. Anläßlich einer Reise nach
Surabaya jedoch konnte ich die 'reichste Ernte einfahren'. Diese Stadt entpuppte sich als wahre Schatzgrube für solche Stücke.
Wie ein Lauffeuer hatte sich sogleich die Neuigkeit herumgesprochen, daß ich an diesen Objekten Interesse hätte: bald defilierten mehrere Händler vor meinem Hotel auf und ab...
Das Studium dieser reichen Ausbeute ließ mehrere Elemente erkennen:
- die Größen-und Gewichtsskala war wesentlich umfangreicher als ich mir vorgestellt hatte: Bei den Eisenkugeln von
Erbsengröße ('Erbsen,extra fein') bis zu einem Durchmesser von ca 10-12 cm. Die Eisenscheiben hatten den Durchmesser eines französischen Fünf-Franc-Stücks bis hin zur Größe eines Desserttellers.
Abb.8: Eisenscheiben in Form von rechteckigen Plaketten
-Auch die Formen waren weitaus vielfältiger, als ich anfangs gedacht hatte: rechteckige Plaketten, über und über mit religiösen
Inschriften in arabischer Schrift bedeckt (Abb.8);
Lanzenspitzen ähnelnde Stücke mit chinesich inspirierten Mustern und Inschriften (Abb.9) kamen zu den kugel-und
scheibenförmigen Stücken -die aber die häufigsten blieben- hinzu. Zu den charakteristischen 'arabischen' und 'chinesischen'
Exemplaren gesellten sich drei sehr schöne Kugeln mit javanischen Texten und figürlichen darstellungen, wobei ein Semar (Anm.) gut zu erkennen war.
Anm.: 'Semar' ist eine der populärsten Figuren des javanischen Theaters und Schattenspiels. Er ist Diener und Begleiter des
Mahabharata-Helden Arduna. (I.Braun)
Das Studium all dieser Sammelobjekte ließ mich fast verzagen ob der Vielzahl gegensätzlicher Erkenntnisse:
a) das Ineinandergreifen arabischer Chinesischer und javanischer Kulturelemente schien unerklärlich;
b) die "Geld-Theorie" schien nicht länger haltbar: es gab keine Gewichtskonstante unter den etwa 150 Stücken, die ich bis
dahin zusammengetragen hatte; die großen Exemplare waren zu unhandlich für einen solchen Gebrauch; das Fehlen alter Dokumente sprach gegen die Zahlungsmittelversion.
c) die "Projektil-Theorie" erschien mir noch unwahrscheinlicher bei der Vielartigkeit der Stücke: Wie hätten die flachen,
rechteckigen oder die Stücke in Form von Lanzenspitzen ihrer Bestimmung und Aufgabe als Geschoß gerecht werden können?
Abb.9: Exemplar in Form einer Lanzenspitze
d) die "Tempelgeld" -oder "Talisman-Theorie" erschien mir noch am plausibelsten, sie verlangte aber nach einer Bestätigung
durch die Beantwortung der drei fundamentalen Fragen:
Wer?
Wann?
Wozu?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, widmete ich mich nun also dem Studium der Inschriften - ein schwieriges
Unterfangen für einen Nichtfachmann, wie sich herausstellte. Dies führte zu keinem konkreten Ergebnis,brachte jedoch einige interessante,erwähnenswerte Ergebnisse, die ich hier zusammenfassen möchte.
Das Studium der Inschriften
1. Arabische Inschriften
Die kugel- und scheibenförmigen Stüke sind generell mit kurzen Inschriften versehen. Sie tragen den Namen Allahs,
Mohammeds und dessen Nachfahren. Gelegentlich findet man auch das komplette Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen anderen Gott als Allah, und Mohammed ist sein Prophet."
Auf den Eisenscheiben findet man gleichermaßen häufig Ziffernfolgen, die Daten vermuten lassen. Es handelt sich hier um die
rechteckigen Plaketten (s.Abb.8 und 10), die am interessantesten erscheinen, da hier die Texte am ausführlichsten sind (siehe Anm.).
Abb.10: Plakette mit arabischen Schriftzeichen
Anmerkung: In einer englischen Übersetzung des Artikels von Bauquis finden wir folgende Ergänzung:
"Ich füge hier als Beispiel die Übersetzung des Textes einer solchen Plakette an:
Vorderseite: "0 mein Vater - es ist wahr: ich habe geträumt und elf Sterne, die Sonne und den Mond gesehen; alle verneigten
sich vor dir, um den Namen des großmütigen und barmherzigen Gottes zu preisen."
Die letzte Zeile dieser Seite, ebenfalls in arabischen Lettern geschrieben, scheint keinen Sinn zu ergeben. Einige indonesische
Freunde, die ich danach fragte, gaben mir alle ähnlichlautende Antworten: dies sei ein geheimer Code, den nur Gott entschlüsseln könne.
Rückseite:
"Allah ist einzigartig, und es gibt kein Wesen, das ihm gleicht. Mohamd ist der Diener und Bote Allahs. Es gibt keinen anderen
Gott denn Allah und Mohammed ist sein Prophet. Dies ist bestätigt durch Salomon. Dies ist die Wahrheit im Namen Allahs, des Großmütigen und Barmherzigen."
2. Javanische Inschriften
Unter den von mir zusammengetragenen Stücken befinden sich zwei große Kugeln vom Typ 'boules de petanque' mit
javanischen Inschriften. Beispielhaft für solche javanischen Texte gebe ich die Übersetzung der Inschriften dieser beiden Kugeln.
Kugel 1 (Darstellung eines Semar, Text in javanischen Schriftzeichen):
"kowe mantep tur setuju ngakal hulet daging kulitmu"
Übersetzung:
"Ihr müßt euch sicher und innerlich mit dem Gedanken einverstanden sein, so als ob es um euer eigen Fleisch und Blut ginge."
Kugel 2 (Darstellung eines Erleuchteten, Text in javanischen Schriftzeichen):
"ratuning pengasih sejatining wong agung"
Übersetzung:
"Der großzügige König ist der wahrhaft große Mann". (Anm1)
Dieser Text ist auf Abb.11 gut zu lesen.
Ein gelehrter Javanese beharrte darauf, daß diesem Text ein Datum aus dem 'candra sengkala' entspricht:
Ratu = 1 (Ratuning)
Pengasih = 6
Sejati = 7 (Sejatining)
Wong Agung = 1 (Anm.2)
Abb.11: Große Eisenkugel mit javanischen Schriftzeichen
Anm.1: In der englischen Übersetzung wird der javanische Text wie folgt wiedergegeben: "the well loved queen is the truth of the
eminent man".
Anm.2: Die in Klammern angefügten Wörter wurden aus der englischen Übersetzung entnommen.
Das Datum entspräche also dem Jahr 1761 A.J. bzw. 1833 n.Chr. Wie dem auch sei - auch die javanischen Texte lassen keine
Rückschlüsse zu auf Herkunft und Verwendungszweck der Eisenkugeln.
3. Chineische Inschriften
Bald stellte sich heraus, daß die Nachforschungen anhand der chinesischen Schriftzeichen noch interessanter und noch reicher an Irrwegen waren...
Eine erste Schlußfolgerung, die mir zu jenem Zeitpunkt außerordentlich interessant erschien, drängte sich sehr schnell auf: ob
es sich nun um Minibarren von weniger als einem Zentimeter Länge handelte, um mittlere bis große Kugeln, um kleine oder
große flache Stücke, oder um Stücke in Form von Lanzenspitzen - alle Stücke mit chinesischen Inschriften trugen ausnahmslos
den Namen San Po unter Verwendung der gebräuchlichen Beinamen dieses großen Botschafter-Seefahrers: San Po Kong, San Po Tai Jin, San Bao Da Ren (San Po Ta Ren).
Diese Entdeckung lenkte mein Interesse natürlich auf den Kult, den einige indonesische Gemeinden chinesischen Ursprungs
San Po angedeihen lassen. Aber ach! Der Besuch des Klenteng in Semarang, der San Po geweiht ist, brachte nichts ein:
keine Spur unserer berüchtigten Stücke! Noch größere Hoffnungen, den Schlüssel zu diesem Geheimnis zu finden,hatte ich in
den Besuch des Tempels von Ancol (Da-Bo Gong Miao) gesetzt: Stücke, die eine Mischung islamischer und chinesischer
Charakteristika aufwiesen, ließen mich vermuten, daß mich dieser halbchinesische, halbislamische Tempel zu
Zwittergemeinden führen müßte, deren Existenz ich mir schon vorstellte. Die Tatsache, daß San Po zum Islam übergetreten
war, und daß einer seiner Leutnants und seine Frau in diesem Tempel beigesetzt waren, verstärkte diese Hoffnung (4;
S.86-97). Ach, dieser Besuch war gleichermaßen ein Fehlschlag: Der Tempelwärter wußte zwar sehr wohl, wer San Po
war,aber unsere berühmten Kugeln und Scheiben, von denen ich ihm einige zeigte, hatte er zuvor noch nie gesehen...
Die Übersetzung zweier indonesischer Werke über San Po - wobei ich hier Meile Henny Setyowaty ganz besonders danken
möchte - ergab keine neuen Ansatzpunkte. Jedoch eine andere Veröffentlichung nährte meine Überzeugung, daß die Stücke
älteren Ursprungs seien. Ich erfuhr,daß die Zeitschrift 'Majaiah Arkeologi' (6) einen Artikel über eine 'Eisenlanze', die man 1972
in Lombok gefunden habe, veröffentlicht hatte: sie kam Stüken gleich, die ich bei Händlern erworben hatte (Abb.12). Aus dem,
von dem angesehenen Historiker Sukarto K. Atmodjo verfaßten Artikel war ersichtlich, daß eine jüngere Datierung des Stückes
nicht in Betracht gezogen wurde. Der Verfasser nennt den Namen des Finders und das ungefähre Datum des Auffindens ("in
den 40er Jahren"), um daraus den Schluß zu ziehen, daß es sich hier um eine wichtige Entdeckung auf archäologischem Gebiet handele.
Trotz der Hilfe, die dieser Artikel in Bezug auf das Alter der mit dem Namen San Po versehenen Lanzenspitzen geben konnte -
meine Nachforschungen anhand der chinesischen Inschriften brachten ebenfalls keine Resultate und meine Fragen blieben unbeantwortet.
Ein unerwarteter Schluß
Einigermaßen entmutigt nach all den erfolglosen Bemühungen, den Einkäufen, die mittlerweile eine beträchtliche Summe
verschlungen hatten, nach all den Irrwegen hatte ich meine Nachforschungen im Herbst 1982 praktisch aufgegeben. Zu diesem
Zeitpunkt war ich zu dem Schluß gekommen, es müsse sich bei diesen Stücken um 'Talismane', 'Glücksbringer' oder Ahnliches
handeln. Möglicherweise gab es Exemplare, die älteren Datums waren, sicherlich würden aber auch heute noch solche Stücke
hergestellt: ein Zwischenhändler versicherte mir, er könne (für eine stattliche Summe) ein Exemplar besorgen, in dessen
Design meine Initialen eingearbeitet würden.... Der Zustand mancher Stücke, deren Metall leuchtete und recht neu aussah, bestärkte mich in meiner obengenannten Auffassung.
Ein weiteres Ereignis bestärkte diese Schlußfolgerung und gab ihr in meinen Gedanken einen doch schon fast definitiven
Charakter: Henri Chambert-Loir hatte von einem Händler in Yogyakarta ein Lot "neuer Glücksbringer" erworben die einen aus
Eisen mit geätztem Design, die anderen aus Messing, graviert, die die zeitgenössischen Repräsentanten dieser 'Familie' zu
sein schienen. Man fand dort bunt gemischt einen Eisennagel mit arabischer Inschrift, eine kleine Semar-Figur aus dem
gleichen Material, eine kleine Eisenrute völlig identisch mit jenen, die auf einigen meiner Stücke (und vielen anderen auch) abgebildet waren.
Abb.12: Exemplar in Form einer Lanzenspitze
Um all die verschiedenartigen, sich widersprechenden Beobachtungen unter einen Hut zu bringen, schien es nur eine Erklärung
zu geben: die Stücke entstammten einer alten, bis auf den heutigen Tag weitergeführten Tradition des Talisman-Handwerks.
Schließlich war es wieder einmal der Zufall, der zu Hilfe kam und auf all die Fragen eine doch recht unerwartete Antwort gab.
Als Claude Guillot, ein Fachmann auf dem Gebiet der Religionen Indonesiens, im September 1982 auf der Durchreise in
Jakarta weilte, erbot er sich, ebenfalls Nachforschungen über die ihm gezeigten Stücke anzustellen. Er befragte viele
Antikhändler, und es gelang ihm schließlich, zu einer Werkstatt bei Surabaya gebracht zu werden, aus der einige dieser Stücke
kämen. Zuerst überraschte ihn die Feststellung, daß hier etwa zehn Leute damit beschäftigt waren, alle möglichen Typen von
'Glücksbringern' herzustellen: von den "ältesten" bis zu den "neueren", die man dann mit arabischen, chinesischen und javanischen Inschriften und Verzierungen versah.
Die Tatsache, daß sich ein Akademiker ohne kommerzielle Hintergedanken - nicht ein Konkurrent oder Kaufmann für seine
kleine Industrie interessierte, beruhigte den Besitzer, und er vertraute Claude Guillot seine Geschichte an.
Vor etwa 30 Jahren arbeitete sein Vater in einem Zementwerk bei Gresik, nordwestlich Surabayas. Beschädigte und
zersprungene Metallkugeln, die man im Mahlwerk nicht mehr verwenden konnte, wurden zum Abfall geworfen. Eines Tages kam
ihm die Idee,solche Kugelstücke mit nach Hause zu nehmen. Er nahm eine Pipette, wie sie beim Batiken zum Auftragen von
Wachs verwendet werden, und schrieb mit Wachs verschiedene Inschriften auf das Metall. Dann tauchte er das Stück in
Abb. 13: Eisenstücke mit Linien ('Daumenabdruck')
Säure. Einige Metallfragment mit konkaver Oberfläche versah er mit feinen Spiralen. So entstand der Eindruck, als habe hier
ein Schmied mit übernatürlichen Kräften seinen Daumenabdruck hinterlassen - analog einem alten javanischen Mythos, wovon
unser Mann natürlich Kenntnis hatte (s.Abb.13, S.23). Zufrieden mit den Ergebnissen seiner Arbeit kam ihm die Idee, diese
Stücke seinen Freunden und Nachbarn zum Geschenk zu machen. Er erzählte ihnen, es handele sich hier um sehr alte
magische Glücksbringer. Später rühmten die so Beschenkten die Kraft dieser Talismane und wollten mehr davon haben. Unser
Mann bewahrte sein Geheimnis und machte sich an die Arbeit, um die unerwartete Nachfrage befriedigen zu können. Der
immer größer werdende Erfolg zwang ihn, eine richtige Werkstatt einzurichten, wo sich nun die ganze Familie an die Arbeit
machte - sorgsam das Geheimnis hütend, das einem solchen Handwerk zukommt. Um die Glaubwürdigkeit seiner Talismane
zu erhöhen, kaufte er sich ein altes Werk über indonesische Magie (kitab mujarabat), das ihm ermöglichte, zahlreiche traditionelle Motive, die nur den in geheime Mysterien Eingeweihte bekannt waren, nachzubilden.
So entwickelte sich sein Geschäft während einer Zeitspanne von etwa 20 Jahren, Designs und Formen wurden immer
vielfältiger, wobei seine Kundschaft offenbar ausschließlich aus der näheren Umgebung kam - ohne daß die Aufmerksamkeit
von Fremden erweckt wurde.Während dieser ganzen Zeit hatten diese "Gebrauchsgegenstände" noch nicht den Weg zu Kaufleuten und in Antikgeschäfte gefunden.
Dann geschah das Unvermeidliche: gerissene Wiederverkaufer kamen,wahrscheinlich zum ersten Mal im Jahre 1977. Sie
boten diese geheimnisumwitterten Stücke Händlern in Singapur und Hongkong an, von wo diese noch im gleichen Jahr nach Europa und in die Vereinigten Staaten gelangten... Wie es weiterging, ist dem Leser bekannt.
Nachwort
Was der Chef der Produktionsstätte für Glücksbringer Claude Guillot berichtete, setzt wohl den Schlußpunkt hinter die
Nachforschungen zum Thema 'Eisenkugeln und -Scheiben' In der Tat ist die Erzählung doch sehr glaubwürdig und vereinbart in sich alle gesammelten Fakten.
Die einzige Frage, die noch offen bleibt, ist die, ob der Zeitpunkt des Produktionsbeginns exakt ist, ob der Gründer dieser
Werkstätte nicht vielleicht doch eine alte Tradition und Technik wiederaufgenommen hat. Diese Frage könnte nur durch ergänzende Studien mit endgültiger Sicherheit beantwortet werden.
Wie dem auch sei - künftig werden die Stücke bei Numismatikern und Kuriositätensammlern keine Nachfrage mehr haben. Ich
hoffe jedoch, daß die Veröffentlichung dieser kuriosen Geschichte nicht die Stilllegung dieses dynamischen Familien
Unternehmens zur Folge haben möge. Denken wir z.B. an die Christopherus-Medaillen., deren Herstellungsstätten von keinem Geheimnis und Mythos mehr umgeben sind, die aber dennoch in Europa noch immer populär sind...
Die tiefe Anziehung, die das Übernatürliche auf Menschen ausübt, sollte die Fortführung der Talismanproduktion garantieren
und eventuell neuen Entwicklungen den Weg freigeben.
Literatur
1. Millies, H.C. Recherches sur les Monnaies des Indigenes de l'Archipel indien et de la Peninsula Malaise. La Haye, 1871
2. Mitchiner, M. Oriental Coins and their Values - The World of Islam. Hawkins Publications, London, 1977
3. Mitchiner, M. Oriental Coins an their Values - Non-islamic States & Western Colonies. Hawkins Publications, London, 1979
4. Salmon,C & Lombard, D. Les Chinois de Jakarta - Temples et Vie collec-tive. 1977
5. Semans,S. World Coins Katalog-Nr.40 New Orleans
6. Atmodjo,Sukarto K. Artikel über eine Lanzenspitze aus Eisen in: 'Majaiah Arkeologi' (Zeitschrift) Vol.III, 1-2 Sept.-Nov. 1980
Ergänzung zum Artikel "Die bemerkenswerte Geschichte eines Talismans".
I.Braun
Herr Bauquis sandte mir nachträglich einen Artikel von Joseph Cribb, erschienen bei der Oriental Numismatic Society im Juni
1981, der sich ebenfalls mit diesem Thema befaßte: "Some Numismatic Fantasies from Indonesia". Joseph Cribb vermutete
damals, daß es sich bei diesen Stücken nicht um ein altes Zahlungsmittel handele, denn: alle Stücke hatten -bei all den
verschiedenartigen Inschriften und Mustern- ein gemeinsames Merkmal: religiöse Motive. Er schloß seine Abhandlung: "Ich
vermute, daß diese Stücke wahrscheinlich erst kurz vor 1972 hergestellt wurden. Wenn sie nicht zu "abergläubischem
Gebrauch" durch Javanesen bestimmt waren, dann könnten sie zum Verkauf an Touristen oder unbedachte Münzsammler als "antike Stücke" hergestellt worden sein."
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