Imun – ein altes Zeremonialgeld der nordwestlichen Salomonen

Imun – an old ceremonial money of the northwest Solomon Islands.

Imun – une ancienne monnaie cérémonielle de Îles Salomon.

Frank Reiter

Auf den nordwestlichen Inseln der Salomonen – Buka, Bougainville und Nissan – hat sich eine Geldform entwickelt, die sonst nirgends im pazifischen Raum zu finden ist.

Karte Papua Neuguinea Buka, Bougainville Nissan

Es handelt sich um ein altes Zahngeld, das in zwei Arten vorkommt, die sich lediglich durch die Art der Zähne unterscheiden, sonst aber völlig gleich sind. Eine Art besteht aus den spitzen oberen Eckzähnen des Flughundes (“flying fox”) der Gattung Pteropus[1], die andere aus den stumpfen, am Ende leicht gebogenen Tümmler- bzw. Delphinzähnen[2]

Abb. 1 imun mit Delphinzähnen oben und Pteropus Zähnen unten

Blackwood (1935, Tafel 67) nennt beide Geldarten je nach Sprachgruppe auf Buka imun oder paio. Parkinson (1907 S.494) gibt an, dass im nördlichen Teil von Bougainville das Flughundzahngeld reki, das Delphinzahngeld baiu genannt wird.

Vor fast 40 Jahren erhielt ich ein vollständiges Exemplar des Flughundzahngeldes (Abb.2a) von Nahis Bohon, einem Einheimischen aus dem Dorf Gagan, (Solos-Sprachgruppe) auf Buka[3].

Abb. 2 a imun mit Pteropus Zähnen

Es ist insgesamt 224 cm, der mit Zähnen besetzte Teil 216 cm lang. Bei diesem Geldstrang sind ca. 500 Flughundezähne einzeln im Abstand von 4 – 5 mm zwischen zwei Pflanzenfasern gedrehten Strängen eingefügt[4]. In den Zwischenräumen sind die beiden Faserstränge mit ganz dünner Pflanzenfaserschnur fortlaufend fest umwickelt, wobei auch die Zähne mit umschlungen sind, so dass sie festen Halt haben (Abb.4)

Abb. 4 imun aus Delphinzähnen, Krause, 1907 S.155 Abb.126

Sie stehen alle kammartig nach einer Seite heraus (Abb.2b)

Abb. 2 b imun mit Pteropus Zähnen Detail

 

Bemerkenswert ist, dass die Zähne von 14 mm Länge in der Mitten nach beiden Enden hin immer kleiner werden und schließlich nur noch 7 mm lang sind (Abb.3).

Abb. 3 imun mit (auf dem Bild nach rechts) abnehmender Zahnlänge

Die Enden laufen in einer gedrehten Schnur aus. Der Geldstrang ist auf seiner gesamten Länge mit “heiliger” roter Erdfarbe eingerieben.

Blackwood (1935, Tafel 67) bemerkt: “They are covered with red powder (oin) and when not in use they are kept in a pot or coconut shell filled with oin.” Blackwood (1935, Tafel 67)

Vereinzelt waren die Stränge mit Schmuck (z.B. Meeresschneckengehäuse) oder magischen Beigaben versehen. So berichtet I. Backwood (1935, S.192): “Behind, hanging from the roof of the hut, were two lengths of the most highly prized kind of ceremonial currency (imun), one made of the teeth of the flying fox, the other of porpoise teeth. This latter string was an heirloom of great value. To it was fastened a tooth of Pinari’s (Wanias’s mother’s mother’s brother) which had recently fallen out; a toe from the foot of Kakari (Wanias’s mother’s brother) which fell off  a short time before as a result of a bad septic sore, and the little finger of a famous enemy …. Who was eventually killed and eaten …”

Die Bedeutung und zeremonielle Verwendung des imun beschreibt Blackwood (1935, S.84-89). Besonders detailliert geht sie darin ein auf die Verwendung von imun beim Arrangieren von Heiraten[5] und dem damit verbundenen komplizierten Austausch zwischen den betreffenden Familien bzw. Sippen.

Weiterhin spielte imun eine Rolle bei der Initiation der jungen Männer und der Scarifizierung (Schnittnarbentatauierung) der Mädchen, beim Schlichten von Streitfällen, bei Bestattungen und zum Begleichen einer Blutschuld. Auch zum Kauf von Schweinen wurde es benutzt.

Imun wurde in der Regel nicht als Körperschmuck verwendet. Nur in Ausnahmefällen, bei seltenen zeremoniellen Anlässen wurde es seiner Person umgehängt.

Blackwood (1935. S.449) fasst die Verwendung von imun zusammen:
“1 fathom given to pay for making bull-roarer.
1 fathom given to old man for making upi for wapi ceremony[6].
1 fathom paid for making slit-gong, together with 10 bamboos of paint.
1 fathom given to old woman who performs the operation of cicatrization on a tsunaun[7]
child.
Several fathoms involved in marriage transactions, number according to whether woman is tsunaun or commoner.
1 fathom hung up at door of house to remove a wagon taboos.
1 fathom given to mother-in-law if inadvertently seen by daughter’s husband.
1 fathom given as peace offering from one individual to another with whom he had quarreled, ‘to make good the other man’s belly’.
Hung up on the occasion of the fune-rary rites for a tsunaun.
Hung up at the ceremony for a tsunaun child when he first sits on his mother’s pack.”

Krause (1906, S.154) schreibt wenig über die Verwendung:
“Gezahlt wurde stets in voller Länge:
1 Faden hatte einen Wert von 2,50 – 3,50
Mark[8]. Benutzt wurde es zur Zahlung für Waffen und Netze.”

Blackwood (1935, S.448) schätzt den Wert eines Fadens weitaus höher ein: “A fathom is now arbitrarily values by the natives at one fius (5 pounds of our currency)”[9]

Oftmals wurden bei Zahlungen neben imun auch ein oder mehrere Stränge von weißem oder rötlichem Muschelgeld (beroan) hinzugefügt, wobei jedoch imun stets höher bewertet wurde als das Muschelgeld. Letztere wurde nicht lokal produziert, sondern aus Neubritannien und Neuirland eingeführt.

Blackwood (1935, S.85) gibt den Wert der Zahlungen wie folgt an: “It varies in different districts, and also according to the position of the girl. For a girl who is tsunaun a larger amount changes hands than for a commoner…. It was ten fathoms of beroan and ten of imun, both porpoise and flyng fox. A fathom of beroan has a value to the natives about 5s. in our money and one imun of either kind is worth about 5 pounds in their estimation, so that the arbitrary conventional value of the currency handed over in respect of Tagoal’s marriage amounted to about 52 pounds 10s. For a commoner a usual amount is said to be four fathoms of beroan and two of imun.

Es ist also deutlich, dass sich die Höhe des Brautpreises je nach Region und der gesellschaftlichen Stellung der Braut richtete. Auch die Mutter der Braut war verpflichtet, der Mutter des Bräutigams und deren Bruder neben Betelnüssen und -kalk eine gewisse Summe zu zahlen, üblicherweise “… one string of imun and one string of beroan, which she must give to the boy’s mother and mother’s brother. This is said to be ‘to pay for the boy’.”

Der Besitz von imun stand üblicherweise in Verbindung mit der Stellung des Besitzers in der Gesellschaft. So wurde erwartet, dass ein Häuptling “… is always supposed to possess a large number of strings, but he keeps carefully secret the actual number he owns, taking out a portion of his stock for exchanges or for ceremonial exhibition when required.” Blackwood (1935, S.448)

Der Diebstahl von imun galt als schweres Verbrechen und wurde oftmals mit dem Tode bestraft. Blackwood (1935, S.457) schreibt dazu: “To steal currency of teeth imun is a major offence (a mot). The punishment is that the convicted person shall be taken to the beach and all who wish shall have the right to shoot at him with spears and arrows.”

Um 1920 herum verbot die britische Kolonialverwaltung den Gebrauch indigener Zahlungsmittel – wozu auch imun und beroan gehörten – im Verkehr mit Weißen mit der Begründung, dass diese keinen einheitlichen Standard hätten, sondern ihre Bewertung durch die Einheimischen oft sehr willkürlich sei. Auch der zunehmende Kontakt mit Weißen trug zum Niedergang des imun bei. So schrieb bereits Krause 1906 (S.154): “Nach Uhlig[10]  gab es zu seiner Zeit nur noch wenige Stücke dieses Geldes; es war durch eingeführte Waren (Perlen, Tabak, Messer usw.) im Binnenhandel der Eingeborenen verdrängt.”

Nach Blackwoods Erfahrungen (S.1935, S. 448) gab es nur noch einige alte Männer, die wussten, wie imun hergestellt wird, aber sie fertigten keine mehr an. Sie erwähnt in diesem Zusammenhang auch, dass diese Geldstränge als wertvolle Erbstücke von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Heute spielt imun im Leben der Bewohner keine Rolle mehr. Man kann also durchaus von einer historischen Geldform sprechen.

*****

[1] Als Lieferanten der Zähne kommen die großen Flughundarten infrage, z.B. der im Bismarckarchipel häufige Pteropus neohibernicus, mit einer Körperlänge von ca. 40 cm und einer Flügelspannweite von 130 cm.

[2] Der Tümmler (Tursiops aduncus), eine kleinere Delphinart mit ca. 20 bis über 50 Zähnen und der Delphin (Delphinus delphus) mit ca. 80 bis über 200 Zähnen.

[3] Nach seinen Angaben ein Erbstück von seiner Großmutter.

[4] Krause (1906, S.154) und Parkinson (1907, S.494) erwähnen in ihrer kurzen Beschreibung der Herstellung, dass die Zähne an den Wurzelenden durchbohrt sind – bei Finsch (1914, S.204) und Blackwood (1935, S.448) nicht erwähnt.

[5] Oftmals fälschlich als „Frauenkauf“ bezeichnet.

[6] Ballonförmiger Hut aus Rotang und gefärbten Blättern, der von Jünglingen bei der Aufnahme in den Geheimbund (wapi) getragen wurde (ausführlich bei Parkinson (1907, S.657-659, Tafel 51) und Blackwood (1935, S.196-200).

[7] Hoher sozialer Rang (z.B. Angehöriger einer Häuptlingsfamilie).

[8] 1,00 Mark um 1900 entsprichte heute ungefähr 6,00 Euro.

[9] 1935 entspricht 1 Pfund Sterling heute ungefähr 85 Euro.

[10] Carl Uklig, Meteorologe in Diensten der Kolonialverwaltung in Deutsch-Neguinea.


 

Literatur

  • BLACKWOOD, Beatrice (1935): Both sides of the Buka passage. Oxford.
  • KRAUSE, Fritz (1907): Zur Ethnographie der Insel Nissan. Jahrbuch des Städtischen Museums für Völkerkunde zu Leipzig (Leipzig) 1, 44-195
  • PARKINSON, Richard (1907):  Dreißig Jahre in der Südsee. Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarck-Archipel und auf den Deutschen Salomoinseln. Stuttgart.
  • FINSCH, Otto (1914): Südseearbeiten. Gewerbe und Kunstfleiß, Tauschmittel und “Geld” der Eingeborenen auf Grundlage der Rohstoffe und der geographischen Verbreitung.  Abhandlungen des Hamburgischen Kolonial – Instituts. Bd.XIV. (Reihe B. Völkerkunde, Kulturgeschichte und Sprachen, Band 9). Hamburg.