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Waren die südafrikanischen Perlen aus Straußeneierschalen (Buschmannperlen) Geld?

Were the South African ostrich eggshell beads (bushman beads) money?

Aus Heft 96: Primitivgeldsammler 37/1, 5-18(2016); Bei korrekter 
Zitierweiseist die Übernahme von kleineren Textausschnitten ohne 
Rückfrage erlaubt.

Fritz Klusmeier

Jede Untersuchung dieser Perlen hat mit der Erkenntnis zu beginnen, dass sie ein uraltes Phänomen sind. Seit der Steinzeit haben Menschen in vielen Teilen Afrikas solche Perlen hergestellt, und Archäologen haben sie aus der Erde geholt, und zwar in verschiedenen Stadien der Verarbeitung (Anm. 1).

Karte 1: Verbreitung der Straußenei Scheibchen in Afrika. O Fundorte (aus Krieger, !943 S.85)

Karte 1: Verbreitung der Straußenei Scheibchen in Afrika.
O Fundorte
(aus Krieger, !943 S.85)

 

Abb.1: Die Tasche einer Khoisan Frau (oben) mit Straußenei Schalen in verschiedenen Verarbeitungsstadien (Mitte) und Werkzeugen zur Bearbeitung der Scheibchen (unten). (von L. Fourie um 1920 gesammelt; Museum Afrika in Johannesburg, aus M. Vanhaeren, 2005 S.536

Abb.1: Die Tasche einer Khoisan Frau (oben) mit Straußenei Schalen in verschiedenen Verarbeitungsstadien (Mitte) und Werkzeugen zur Bearbeitung der Scheibchen (unten).
(von L. Fourie um 1920 gesammelt; Museum Afrika in Johannesburg, aus M. Vanhaeren, 2005 S.536

Unter der Fragestellung der Überschrift sind diese vorgeschichtlichen Funde aber nicht relevant, da naturgemäß einschlägige Quellenbelege nicht vorliegen.

In neuerer Zeit wurden und werden diese Perlen weiterhin in Ost- und Südafrika hergestellt und verwendet. Ich beschränke meine Untersuchung auf Südafrika, da mir bezüglich Ostafrika keine für die Fragestellung relevanten Belege zur Verfügung stehen.


Das Herstellungsverfahren für diese Perlen ist in zeitlichem Abstand mehrfach beschrieben worden, z. B. von

  1.  Schinz ( 1891, S. 151): „Die Eierschalen werden zum Zwecke der Herstellung dieser Scheibchen von der Hand in kleine Stückchen zerschlagen, diese mit einem spitzen Eisenstück durchbohrt und dann auf einem Stein, der, gleich einem Ei im Eibecher, auf einem Holzgefäß ruht, mit dem scharfen Ende eines Springbockhornes abgerundet.“
  2. Passarge (1907, S. 84f.): „Die Schmiedekunst liefert ihm (dem Schmied) auch heutzutage die Mittel, sich das Instrument zu machen, mit dem er die Chore- oder Moletsaketten herstellt. Es ist dies ein fingerlanges Eisenstäbchen mit glatter, zugeschärfter Spitze. Diese dient dazu, Scheiben von Straußeneierschalen, die zu rundlichen, 1 ½ cm Durchmesser besitzenden Scheiben durch Abschlagen mit Steinen roh geformt sind, zu durchbohren. Ein Stein ist der Ambos, ein anderer spitzer Stein ist der Schlegel. Der Bohrer, der in einen runden Holzgriff eingelassen ist, wird auf die Mitte der Scheiben aufgesetzt und zwischen den Händen gequirlt, bis ein Loch entstanden ist. Die durchbohrten Scheiben werden nun auf eine Schnur aus Sehne oder Bast aufgezogen und die ganze Kette mit beiden Handflächen auf einem glatten Stein gerollt…, bis sie ganz glatt, rund und gleich groß geworden sind.“
  3. Schapera (1930, S. 66): „… ostrich eggshell beads, the making of which is one of the oldest Bushmen industries. … They are made by the women. The eggshell is broken into small pieces which are softened in water and pierced with a small stone or iron borer. They are then threaded on to a strip of sinew and the rough edges chipped off with a horn. Soft bark fibre is next twisted between the beads, making the chain very taut, and the edges are finally rubbed smooth with a soft stone.”
  4. Friede (1960, S. 8): “ The ostrich egg shells were broken into small pieces, and then were employed for the careful drilling of holes in the pieces, going halfway into the pieces from each side. Then the holes were smoothed with a pointed reamer held in a wooden handle. … With the help of a stone used as a hammer, each piece was trimmed around the edge. The now roughly circular pieces were strung on guts twelve to fourteen inches long and secured by two knots. The resultant string of beads was placed in a grooved stone where the individual beads were ground  Finally the beads were strung on aloe fibre string some twelve feet long.”
  5. Silberbauer (1981, S. 227): “The shell is broken into pieces about 1 cm and a hole is drilled through each piece by means of an awl twirled between the palms. This takes about 30 seconds. Between 120 and 150 such pieces are than strung together on a sinew thread. The assembled string is placed against a firm surface, such as the side of a mortar, and rubbed with a piece of gastropod calcrete (a soft stone). In about 20 minutes the string is ground to an even cylinder, that is, each piece is rounded off into a disc.”

Die vorgelegten Beschreibungen belegen, dass der Herstellungsprozess über die Jahre im Wesentlichen gleich geblieben ist. „The technique is now used all over the world. We call it the ‘heishi method’ after the word for shell bead in the language of the Santo Domingo Pueblos of New Mexico.” (Francis S. 10, vgl. auch Simak S. 25.)

Was sich geändert hat sind z. T. die Werkzeuge und Hilfsmittel: So hat man in vorgeschichtlicher Zeit bis in die jüngere Vergangenheit wohl spitze Silex-Werkzeuge zum Durchbohren der Scheibchen benutzt ( Plug S. 58f., Bednarik S. 550, Sollas S. 283, Tafel V Abb. 1). Frau Carey nennt „a needle or a sharp thorn“ (1988, S. 84), auch Pfeilspitzen waren geeignet (Vedder S. 59, v. Zastrow/Vedder S. 430); wenn verfügbar, wurden auch Drillbohrer eingesetzt (Loeb S. 188). Wie die einschlägigen Abbildungen zeigen, wurden in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit vor allem die in hölzerne Rundstäbe eingelassenen eisernen Dorne verwendet.
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Artikel 2016 Klusm abb-2b-klusmeier-viebe-4-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Köhler hat 1991 die Kxoé-Buschleute von ihrem Leben erzählen lassen und diese Erzählungen aufgeschrieben und veröffentlicht. Dabei ging es auch um die Produktion von Perlenketten aus Straußeneierschalen: „Wie die Kxoé-Männer bei den Mashi-Männern Eisen erwarben und Straußeneibohrer schmiedeten und damit die Schale des Straußeneies durchbohrten“ (S. 465), „Wie die Kxoé früher Straußeneiperlen machten und wie sie sie trugen“ (S. 468), „Wie unsere Vorfahren sich mit Straußeneiperlen schmückten, wie aber die spätere Generation die Straußeneiperlen aufgegeben hat“ (S.487). Inzwischen ist das alte Kunsthandwerk wieder belebt worden.

Wingfield hat 2001 die gegenwärtige Produktion dieser Perlen durch Buschmänner in Botswana dokumentiert, seine Beschreibung ist sehr ausführlich. Die beobachtete Herstellung fand an zwei Orten statt. Auch hier gab es einige technische Varianten. – Anm. 2

Bezüglich der Größe der Perlen gibt es in den Quellen unterschiedliche Angaben: Passarge nannte ja einen Durchmesser von 1 ½ cm (1907, S. 85), Tönjes spricht von „Plättchen von vielleicht ¾ cm Durchmesser“ (S. 42), Werner von „etwa pfennigstückgroßen…Plättchen“ (S. 255), Gentz von „Straußeneierschalen im Durchmesser einer großen Erbse“ (S . 159). Frau Carey schreibt:  „San beads are made by the women out of ostrich eggshell; they are smaller  and more finally finished than those made anywhere else in Africa, being only 5 to 7 millimetres…in diameter.“ (1986, S. 40), Laidler vergleicht: “… they vary in size from the tiny modern Bechuana bead , diameter 0.5-1.2 cm.; the beads of the Bushmen shelter, 0.5 cm.; the large beads of the Port Nolloth Wilton middens, 1 to 1.3 cm., to the still larger discs, diameter 2 cm. used and valued by the Baroka of the Northern Transvaal.” (S. 23)

Der Herstellungsprozess wird als schwierig und zeitraubend beschrieben: “ Making beads this way is a lengthy process, and a woman might take some weeks to make a two-foot long string of ostrich eggshell beads.” (Carey 1988, S. 85) Ähnlich Krieger: “Die Ketten einwandfrei herzustellen ist keine leichte Arbeit, es muss unendlich viel Mühe, Geduld und Zeit darauf verwendet werden. Drei geschickte Arbeiter können in einem Monat sechs Ketten von der gebräuchlichen Größe herstellen, die gemessen wird, indem man die einen geschlossenen Ring bildenden Schnüre unter eine Schulter und über den Kopf streift; sie müssen dann stramm auf der Brust sitzen.“ (S. 85, nach Passarge 1907, S. 85f., vgl. auch Vedder S. 59, Stow S. 139, Theal S. 43, Goodwin S. 189, Gretschel S. 109.) Dementsprechend waren die Ketten in den Augen der Eingeborenen sehr wertvolle Objekte. ( s. u. )
Aus den Perlen machte man Schmuckstücke, sie waren in Südafrika weit verbreitet:

  • bei den Nama (Hottentotten): „… souvent… une ceinture en coquilles d’oeufs d’autruche fait plusieurs fois le tour du corps.“ (Desforêts S. 221; vgl. auch Kolb S. 484, Hahn S. 307),
  •  bei den Damara:  „Strings of beads, either of glass or iron, or from the ostrich egg shell, are hung round their necks and hips….” (Baines S. 46, vgl. auch Andersson 1856, S. 51, Vedder S. 59),
  •  bei den Herero: “Das Leibchen … besteht aus ungefähr 30-50 seitlich verbundenen Ketten abgerundeter und auf Sehnen gereihter Straußeneier-Stückchen.“ (Schinz S. 151, vgl. auch Irle S. 124, Joyce/Thomas S. 299.),
  • bei den Ovambo: „Straußeneiketten … werden auch über der europäischen Kleidung als Schmuck getragen.“ (Lebzelter S. 219, vgl auch Tönjes S. 42.),                                                –
  • bei den San (Buschleuten): „Namentlich die Frauen tragen die Molentzaketten oder andere aus dem gleichen Material hergestellte Schmuckgegenstände mit Vorliebe; sie hängen sie um den Hals oder machen sie am Stirnhaar fest, so dass sie wie Schlingen über die Stirn herunterhängen. Anderer Zierrat aus Eierschalenstückchen sind eine Art Anhängsel für Arm- und Fußbänder, oder ganze Kopfbinden werden daraus gemacht, die recht hübsch aussehen. Mehrere kurze Kettchen, zu einem Bündel vereinigt, geben einen Schamschmuck für Weiber ab… .“  (Gretschel S. 109f.) – Anm. 3,
  • bei den Kuanyama: „Among the Vakuanyama, necklaces of disks made from ostrich eggshell are worn by the women only. A woman of importance has a dozen loops of such necklaces, each loop being about 125 cm long.” (Hambly 1934, S. 130, vgl. auch Loeb S.181.)
  • bei den Mambukuschu: “ Wohlhabende tragen Halsketten von Straußeneierscheiben” (Passarge 1905, S. 232).

Aus den Quellen geht hervor, dass dieser Perlenschmuck den Körper von den Haaren bis zu den Füßen zieren konnte.

Artikel 2016 Klusm Abb-3a-buschmann-perlen-halskette-brit-museum-an01091771_001_l

Artikel 2016 Klusm Abb-3c2-guerteldetail-aus-buschmannperlen-medium

Artikel 2016 Klusm Abb-3d-leibchen-brit-museum-af-1900-40-41-moletsa

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 Artikel 2016 Klusm Abb-3c1-stirnband-aus-buschmannperlen-medium

 

 

Perlen-Stränge und –Ketten waren die Haupterscheinungsform dieses Schmucks, sie dienten auch zur Verzierung von Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen (Schurze, Gefäße, Beutel, Köcher, Puppen – Silberbauer S. 227). Siehe Anmerkung 4. und 5.

 Artikel 2016 Klusm Abb-4a2-aus-vibe-fig-35-medium

 Artikel 2016 Klusm Abb-4b-brit-museum-namibia-af196218-1-puderbehaelter

 

 

 

 

 

 

 

 

Wegen der aufwändigen Herstellungsweise waren die Perlen wie gesagt in den Augen der Eingeborenen von hohem Wert; leider bieten die mir vorliegenden Quellen nur vereinzelt Angaben zu Äquivalenten.

  • Schinz z. B. sagt über das Leibchen (omutombe) der Hererofrauen: „Die omutombe … hat in der Regel…den kolossalen Wert von 1-2 grossen Ochsen.“ (S. 151)
  • Lebzelter nennt Preise für Ketten bei den Ovambo: „Das Längenmaß der Owambo ist ‚Orundimbo‘, das ist die Entfernung von der Brustmitte zur Spitze des Mittelfingers bei seitlich ausgestrecktem Arm. Eine Kette bis zu 14 oder 17 Orundimbo kostet 60 Schillinge. Ist sie größer als 17 Einheiten, dann verlangt man 80 und mehr Schillinge dafür.“ (S. 219).

Friede nennt einen Verkaufspreis von 1954: „In 1954 such a string could be bought in the Mai Mai native bazaar in Johannesburg for about 26 s“, er sagt leider nichts über die Länge des Perlenstrangs. (S.8)

Die Angaben von Schinz und auch von Lebzelter belegen den relativ hohen Wert der Ketten (Lebzelter gibt zum Vergleich den 10-Monats-Verdienst eines Arbeiters von 600 Schilling an (S. 219, Anfang der 30er Jahre). Friedes Angabe ist mangels Bezugsgröße nicht zu bewerten.                                                                                                               Wertangaben gibt es vereinzelt auch in den Berichten über Tauschtransaktionen zwischen einzelnen Volksgruppen. (s. u.)

Ob die beschriebenen Objekte nicht nur als Schmuck, sondern auch als Amulette dienten, ist aus den mir vorliegenden Quellen nicht ersichtlich. Gretschel gibt die Vermutung wieder, dass den Scheibchen „Heilkraft innewohnen soll“ (S. 110), belegt das allerdings nicht, er bezieht sich möglicherweise auf eine Beobachtung von Schultze: „Eine Lendenkette … aus runden Straußeneier Schalenstückchen hergestellt, bindet ein Hottentottenweib sich oder dem Kinde um die Hüften, wenn sie im Unterleib Beschwerden fühlt.“ (S. 227)

Zu untersuchen sind nun die Funktionen der Schmuckstücke im Güteraustausch, diese Untersuchung konzentriert sich auf die San / Buschmänner.

Polly Wiessner hat das so genannte hxaro-Austauschsystem der Kung-San beschrieben: „Die hxaro-Beziehungen stellen einen ausgewogenen, aber nicht notwendigerweise äquivalenten, oft verzögerten Austausch von Geschenken dar, deren dauernder Fluss beide Partner auf dem Laufenden hält über das Wesen ihrer Beziehung, das einerseits aus dem sozialen Element der Freundschaft und Hilfsbereitschaft besteht und andererseits aus einem wirtschaftlichen, nämlich Güteraustausch und gegenseitigem Zugriff auf Ressourcen. Eine Vielzahl von Gegenständen – außer Nahrungsmitteln – können als Geschenk beim hxaro dienen: Schmuckketten, Decken, Pfeile, Werkzeuge, Straußeneier, etc.. Praktisch sämtliche Waren und Wertgegenstände zirkulieren beim hxaro, am häufigsten jedoch werden Ketten aus Glasperlen oder Straußeneiplättchen verschenkt. Obgleich der Geschenketausch symbolisch für die zugrunde liegende soziale Beziehung ist, werden doch die Geschenke wegen ihres eigenen Werts, ihrer Schönheit, Nützlichkeit oder Bequemlichkeit geschätzt und versorgen die !Kung mit schätzungsweise 70% ihrer weltlichen Habe.“ (1993, S. 176, vgl. auch dies. 1982, SS. 66ff.) Dies System dient auch dazu, mit Notsituationen fertig zu werden, es hat egalitären Charakter; denn wer mehr hat, von dem wird erwartet, dass er mehr gibt als andere.

Scott hat konkrete Beispiele genannt: “Kxau’s father did hxaro with people from /Xai/Xai. He would give things like ostrich eggshell jewellery, animal skin blankets, snake and animal skin bags, and arrows. In return, he would receive glass beads, Kavango knives, clay pots, copper jewellery, and arrows. …  When Sabe was younger, she recalls her parents’ generation receiving small glass beadwork, copper jewellery, wooden bowls and spoons, some metal from Ghanzi, and arrows, all from /Xai/Xai. They would give back ostrich eggshell jewellery and water containers, small glass beadwork, metal plates from Ghanzi, animal skin blankets, clothes and bags, and arrows.” (S. 25)

Haben diese hxaro gifts Geldcharakter? Diese Frage ist eindeutig zu verneinen, das behauptet, soweit ich sehe, auch niemand. Es handelt sich um Geschenke, Gaben ohne monetären Charakter. Gerade bei den geschenkten Perlenarbeiten vermisst man in den Quellen Angaben zu Mengen oder Längen von Perlensträngen, Normung scheint keine Rolle gespielt zu haben. – Frau Wiessner hat übrigens mitgeteilt, dass das hxaro-System „has died out“ (1993, S. 1)

Anders liegen die Dinge, wenn man den intertribalen Warentausch zwischen den Buschleuten und ihren Nachbarn betrachtet.

 Artikel 2016 Klusm karte-2-schapera-staemme-medium

 

Es war bekannt, dass die Buschleute die Herstellung der Perlen aus Straußeneierschalen am besten beherrschten. ( Passarge 1907, SS. 86, 118, Stow S. 139, Schapera S. 66, Hirschberg S. 3, Laidler S. 23)
Diese Perlen werden deswegen in der Sekundärliteratur auch „Buschmannperlen”, „bushman beads“ genannt. (Quiggin S. 107, Deutsch SS. 36 und 38, Sigler S. 895, Aumann S. 20, Kuhn/Rabus S. 39)
(Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass auch andere Ethnien in Südafrika solche Perlen herstellten, s. z. B. Joyce/Thomas S. 299: Hererofrauen, Loeb S. 188: Kuanyama).

Wegen ihrer Qualität waren die Perlen bei den Nachbarn der Buschmänner als Tauschwaren gefragt, bei den „Ovambo, Herero, Nama und Bergdama“  (v. Zastrow/ Vedder S. 430, Andersson 1861, S. 135), aber auch bei den Tswana (Hirschberg S. 27, Krieger S. 85) und bei den Zulu (Krieger S. 85). Dieser Austausch lief manchmal auch über Zwischenhändler, z. B. über die Damara zu den Ovambo (Andersson 1861, S. 135, Schinz S. 280).

Was wurde gegen die Schmuckstücke eingetauscht?  „For this female gear … they received in exchange assegais, hatchets, dagger-knives, iron and copper beads, iron anklets, iron bracelets, etc.” (Andersson 1861, S. 135), das handelten die Damara von den Ovambo ein. Die Buschleute handelten die Perlen gegen „tobacco; beads; knives; axes; malleable metal for making arrow points and assegai blades; and occasional files and chisels, fire strikers, and pots.“ (Marshall S. 365: !Kung-Buschleute).

Passarge nannte (1905, S 701): “Tabak und Hanf, Eisen und Eisengeräte, wie Lanzenspitzen, Hacken, Messer und ähnliches“; (1907 S. 118): „…tauschte man bei den Batauana Tabak und Korn…, bei den Owambo und Mambukuschu aber vor allem Eisensachen, wie Lanzenspitzen, Äxte, Messer Pfeilspitzen, ferner Kupferplättchen für Schmuckgegenstände, wohl auch hölzerne Geräte, Korn und was man sonst brauchte.“ (Vgl. auch Andersson 1861, S. 135, Stow, S. 139, Bleek 1928, S. 37, Kaufmann S. 151, Hirschberg S. 3, Vedder 1923, S. 59, Wilhelm SS. 141-143, Gordon S.. 206ff.)

Es liegen einige konkrete Angaben zu Äquivalenten vor:

  • Baines 1864, S. 437: „… the women were …selling strings of ostrich shell beads for equal lengths of beads of a peculiar slaty blue…“
  • Stow 1905, S. 139: “After the stronger races came in contact with the Bushman bead-makers, they used to purchase these pierced disks of eggshell from the latter for small pieces of iron.”
  • Passarge 1907, S. 118: “Die Mambukuschu … geben heutzutage für eine Kette einen großen geflochtenen Korb Hirsekorn. Die Chansebuschmänner erhielten früher dafür von den Batauana eine große Rolle Tabak.“ (Größenangabe S.86, s. o.)                                                                                            –
  • Schapera 1930, S. 147: „For a chain of these beads passing round the waist … the OvaMbo (give) an iron spear head.”
  • Goodwin 1937, S. 189: „A string twelve feet long, which takes three months to make, will fetch a handful or two of raw tobacco, worth two or three shillings.”                                    –
  • Friede 1960, S. 8: “Finally the beads were strung on a aloe fibre string some twelve feet long. Value: a few ounces of tobacco.”
  • Marshall 1976, S. 365: “…five strings of ostrich-eggshell beads for an assegai.”

Gehandelt wurden also Ketten, eingehandelt wurden vor allem Tabak, eiserne Geräte und Waffen, Schmuck und Lebensmittel.

Die Ausbeute an Wertangaben ist ziemlich dürftig; daraus irgendeine Systematik abzuleiten, halte ich wegen der lokalen und zeitlichen Unterschiede für unmöglich. Möglicherweise gab es bei den Ketten eine handelsübliche Normlänge, die Längenangaben von Passarge (Brustumfang, s. o.) und Goodwin (12 feet) passen jedenfalls nicht zusammen.

Die Moletsa-Ketten waren neben Tierhäuten und –fellen  fast die einzigen Tauschwaren, welche die Buschmänner anzubieten hatten. Dieses Faktum und die beschriebene ‚Normlänge‘ der Ketten haben Passarge wohl veranlasst, den Ketten „Geldwert“ als Tauschmittel zuzuschreiben (1905, S. 701, 1907, S. 118). Vedder unterstützt ihn darin:  „… die Straußeneierschalen sind sehr kostbar. Man kann sie als eine Art Geld sehr gut verwenden, wenn handeltreibende Ovambo Äxte, Töpfe, Salz u. dgl. Zum Kauf anbieten.“ (1923, S. 59, vgl. auch v. Zastrow/Vedder 1930, S. 430: „Buschmanngeld“.) Auf Vedder stützt sich auch Thurnwald (S. 255): „…their principal use is as currency“.
Auf diese Quellen stützt sich augenscheinlich die Sekundärliteratur, welche die Buschmannperlen und die Moletsa-Ketten als vormünzliche Geldformen akzeptiert, so z.B. Einzig S. 169, Friede S. 8, Sigler S. 895, Opitz S. 246, Simak S. 26, Kuhn/Rabus S. 39, übrigens alle ohne Quellenangabe.                                                                               Frau Quiggin war sich da anscheinend nicht so sicher: „Among the Hottentots and the Bushmen no native money is met with… . The only claimants for admission to a collection of currency are the strings of Bushmen beads.“ (S.107)

Andere Autoren sehen die angesprochenen Transaktionen als reinen Warentausch (barter): „Es ist ein absoluter Tauschhandel“ (Kaufmann S. 151, vgl. auch Andersson 1861, S. 135, Schapera S. 66, Laidler S. 23, Joyce/Thomas S. 299). Formulierungen wie die von Shapera: „…they form a standard article of barter“ zeigen die Unsicherheit, was das Problem des möglichen Geldcharakters der Ketten angeht.

Zu bedenken ist auch die Tatsache, dass nur von derTauschmittel-Funktion der Ketten die Rede ist, nirgendwo, soweit mir bekannt, wird den Ketten die Funktion Zahlungsmittel zugeschrieben (‚Brautpreis‘, Strafzahlungen, Lohnzahlungen, Entschädigungen, Abgaben und Steuern u. a.). Keiner der erwähnten Autoren hat sich übrigens die Mühe gemacht, das Problem geldtheoretisch zu diskutieren.

Bedenkenswert ist auch die Beobachtung, die Bleek gemacht hat: „Bushmen are easily cheated, as they have little idea of values. They have no money nor any equivalent for it… . They often ask a ridiculous price, either far too high or far to low. They give a bead ornament that must represent weeks of work for a cheap knife, and then demand the same for a pipe stick, that has taken them an hour to burn.” (S.38)                                   Wenn das generell zutreffen sollte, dann waren die Moletsa-Ketten für die Buschleute zumindest kein Geld, sondern eben nur eine nützliche Tauschware. So sieht das auch Schott: „In der Regel ist jedoch dem Buschmann der moderne Tauschverkehr durch Vermittlung des Geldes oder von Geldsurrogaten ganz unverständlich, weil er in seiner eigenen Wirtschaft allenfalls den unmittelbaren Tausch von Gütern gegen andere Güter kennt.“ (S. 143)

Letztlich muss man wohl eingestehen, dass aufgrund der dürftigen Quellenlage die Frage, ob die Ketten Geldcharakter hatten, seriös nicht eindeutig beantwortet werden kann.


LITERATURVERZEICHNIS–>>   klusmeier-2016-literaturverzeichnis

ANMERKUNGEN:

  1. Zu den vorgeschichtlichen Funden vgl. z. B. Bednarik, Camps-Fraber, Delarozière S. 21f., Jacobson, Kandel/Conard, Orton, Plug, Tapela, Vibe, Vernet.
  2. Weitere Beschreibungen des Herstellungsprozesses: Carey 1988, S. 84f., Gretschel S. 109, Krieger S. 84, Loeb S. 188, Orton, Peringuey S. 104f., Sauer S. 267, Stow S. 139, Tönjes S. 42, Vanhaeren SS. 33-35, Vedder S. 59. – Einschlägige Abbildungen bei Köhler Bild 88, Marshall 1976b, S. 305, Mertens o. P., Murdock S. 56, Peringuey Pl. XIX, Stow neben S. 46, Vanhaeren SS. 534, 536, Vibe S. 22, Wanless S. 10, Wannenburgh Abb. 24.
  3. auch Dornan S. 88, Guenther S. 116, Kaufmann S. 140, Marshall 1976a, S. 364f., Schapera S. 66, Schultze S. 657, Sollas S. 283, Theal S. 43, Werner S. 255, Wilhelm S. 118f. – Anderson schätzt (1888): „…there cannot be less than 8000 beads in each set”, ein Satz bestehend aus “a tiara, three inches in width, for the head; a broad necklace, six bracelets on each arm, and eight anklets or bangles to each leg, and finally, a rope of beads of sufficient length to go round the loins twice… .” (S. 216) Er hat für solch einen Satz Schmuckstücke 6 Yards bedruckten Kattun hergeben müssen.
  4. Abbildungen von Perlensträngen und –ketten finden sich auf den Webseiten vieler Museen: South Africa Museum, Penn-Museum, American Museum of Natural History, Victoria and Albert Museum, British Museum, Musée du Quai Branly, Pitt-Rivers-Museum. auch Aumann S. 21, Carey 1986, S. 35, Francis S. 10, Friede S. 8, Mack S. 27, Passarge 1907, S. 85, Schapera Pl. XII, Schultze SS. 252, 657, Simak S. 25, Steyn Pl.8. Abbildungen von anderen Schmuckstücken (Kopf- und Armbändern, Leibchen, Gürtel) finden sich bei Carey 1986, S. 35, Marshall 1976b, S. 304, Szalay S. 46, Vibe S. 31f., Penn-Mus. Nr. 31-2-190, British Mus. Af 1896,-775, Af 1900, 40-41, Af 1910, 444, Af 1979, o1-2949.                                                                                                                   Abbildungen von Gegenständen mit Perlenverzierung: Tönjes neben S. 136 (Puppen), Tyrrell S. 7 (Schurze), Collectif SS. 306-309 (Schurze), British Mus. Af 1862, 18-1 (Pudergefäß), Af 1991, 09.91 (Jagdzauber), Af 1955, 11.4 (Schurz), Af 1962, 18-2c (Köcher).

Abbildungen von Schmuckstücken in situ: Duggan-Cronin Pl. V, XXIX, Hambly 1937, S. 223, Marshall 1976b, SS. 34,167, Sauer T. 2 a-c, Schapera Pl VIII u. IX, Scherz u. a. S. 102ff., Thomas Abb. 11b, 13, 14, Tyrrell SS. 2, 7, 11, Wanless S. 18