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Roanoke – eine frühe Geldform in Virginia, USA

Aus Heft 87: Primitivgeldsammler 33/1, 3-11 (2012); Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren Text-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Roanoke – an early form of money inVirginia,USA

Roanoke – une type de monnaie précoce en Virginia, USA

 Bernhard Rabus

ZUSAMMENFASSUNG

Roanoke besteht aus dicken, in der Mitte durchbohrten Muschelscheiben. Das Material ist offensichtlich Mercenaria mercenaria. Die Scheiben haben einen Durchmesser von etwa 1 – 1,2 cm. Roanoke war eine eigenständige Geldform der Indianer in Virginia und North Carolina, die parallel zu wampum benutzt wurde und deren Gebrauch im 17. und 18. Jahrhundert gut dokumentiert ist. Offenbar existieren heute nur noch wenige Exemplare dieser Geldform, eines davon im History Museum in Roanoke, Virginia.

 

Titelbild: Roanoke (rawrenoke) Strang aus der Sammlung des History Museum of Western Virginia, Roanoke, Virginia, USA. (Courtesy of the Historical Society of Western Virginia). Durchmesser der Muschelscheiben angabegemäß max. 1,25 cm

Eine weitere ist in Abb. 3 dieses Beitrags abgebildet:

Abb. 3: roanoke (aus Taxay 1970, p. 109). Legende: A string of clamshell beads, or „roanoke“, the aboriginal currency of Virginia

 

Ein drittes Stück könnte die in meiner Sammlung befindliche Kette sein (siehe Abb. 4, und 5).

Abb. 5: Kette aus meiner Sammlung. Gefunden in Mason County, Kentucky, unweit der Grenze zu Virginia. Wenn auch nicht ausdrücklich als solches bezeichnet, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls um roanoke/rawrenoke. Der Durchmesser der Perlen beträgt 1 – 1,2 cm. Stärke 3 – 5 mm. Einzelperlen siehe Abb.4

Zum Fundort

Abb. 4: Einzelne Muschelperlen meiner Kette aus Mason County, Kentucky (siehe Abb.5 ) Durchmesser 1 – 1,2 cm; Stärke 3 – 5 mm

Sie stammt aus einer Grabung in Mason County in Kentucky, nicht weit von der Grenze zu Virginia entfernt. Die Muschelperlen sind den bei Taxay abgebildeten sehr ähnlich. Auch wenn die Herkunftsangaben sie nicht ausdrücklich als solches bezeichnen, dürfte es sich dabei ebenfalls um roanoke handeln.

 Bei der literarischen Suche nach dieser Geldform bewegen wir uns nicht in unseren Tagen oder der jüngeren Vergangenheit, sondern wir müssen weit zurückgehen in das 17. Jahrhundert. Die Literatur dieser Zeit zu diesem Thema ist überraschend vielfältig. Sie basiert in erster Linie auf authentischen Berichten und kolonialen Aufzeichnungen der Staaten Virginia und North Carolina an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Neben dem eindeutigen Beweis der Geldfunktion von roanoke brachte mir das Quellenstudium eine handfeste Überraschung: Nicht nur die Irokesen und die Siedler der frühen Kolonie New York gebrauchten die weißen und pupurfarbenen wampum Perlen als Geld (siehe dazu Rabus 2003), sondern auch die Indianerstämme und die Kolonisten von Virginia und North Carolina benutzten es, wenn auch erst mit Beginn der Kolonisierung. Roanoke, eine andere, für dieses Gebiet spezifische Geldform, besaß gegenüber wampum einen geringeren Wert. Deren Existenz, Aussehen und Geldfunktion sollen im Folgenden dokumentiert werden.

Abb. 1: Staatenkarte Ostküste der USA mit wichtigen Orten und erwähnten Indianerstämmen

Der Begriff  roanoke

Der Etymologe Gerard (1907, S. 106) führt roanoke auf das Wort rarenawok der Renape (Algonkin Sprachfamilie) zurück, das soviel wie „geglättete Muschelschalen (smoothed shells)“ bedeutet. Roanoke ist also eine Verballhornung des indianischen Wortes durch die englischen Siedler. Außer dem Begriff roanoke finden wir noch die Bezeichnungen roanoake, ronoak, roenoke, roenoak und in früher Zeit (17. Jahrhundert) rawranoke und rawrenock (Gerard 1907, S.106), roanoack (Lederer 1672) sowie rarenaw (Strachey 1612). Dabei handelt es sich stets um Muschel- oder Schneckenperlen. Diese Worte mit der Wurzel rar, die mit „reiben, glätten, polieren“ zu übersetzen ist, haben nach Gerard alle die Bedeutung „geglättete Muschelschalen“.

Die Stadt Roanoke in Virginia leitet ihren Namen übrigens ebenfalls davon ab, wogegen Gerard der Meinung ist,  dass hierfür das Renape Wort Rowanok, das „Northerners“ bedeutet, die Grundlage bildete, denn die Indianer seien aus dem Norden zugewandert. Das soll uns aber nicht weiter beschäftigen.

 

Frühe Quellen zu roanoke

Captain John Smith, „sometime Governor in those Countries, and Admiral of New England” wie er sich in seinem Werk von 1624 über die Geschichte von „Virginia, New England, and the Summer Islands“ selbst bezeichnet, verdanken wir die früheste Erwähnung von roanoke. In den Berichten über seine Reisen in Virginia im Jahr 1608 (Smith 1624, S. 64) wird die Örtlichkeit Cuscarawaoke erwähnt, „where is made so much rawranoke or white beads that occasion as much dissention among the Salvages, as gold and silver amongst Christians“ (frei übersetzt: …wo soviel rawranoke oder weiße Perlen hergestellt wird/werden, was ebenso viel Zwietracht unter den Eingeborenen verursacht wie Gold und Silber unter Christen). Seinem Bericht „Map of Virginia“ von 1612 hatte Smith bereits ein kleines Vokabular der Sprache der Powhatan Indianer (Siedlungsgebiet siehe Abb. 1)  angefügt, das unter anderem rawrenock anführt, das er mit „white beads“ übersetzt (siehe Smith 1624, S. 45). Tooker (1893, S. 409-414) fand durch genaue Analyse von Smith’s Texten und sprachwissenschaftliche Vergleiche heraus, dass die Bezeichnung Cuscarawaoke „a place of making white beads“ bedeutet. Schließlich berichtet Hamor (1615, S. 41) davon, dass der große Häuptling Powhatan eine seiner Töchter einem anderen Häuptling versprochen hatte „for two bushels of Roanoke (a small kinde of beades) made of oystershels, which they use and passe one to another, as we doe money (a cubites length valuing sixe pence)”. Bushel ist ein Getreidemaß und fasst ungefähr 36 Liter, cubit ist eine Elle (meist von der Spitze des kleinen Fingers bis zum Ellenbogen gemessen [Lawson 1860, S. 316]). Taxay (1970, S. 107) zitiert William Strachey, der ihm zufolge um 1612 rawrenaw als „chain of beads“ charakterisiert haben soll. Taxay hat hier im Ergebnis Recht, ist aber mit dem Zitat ungenau, denn Strachey spricht von rarenaw und dieses Wort erklärt er in seiner Handschrift von 1612, die 1849 erstmals gedruckt wurde, nur mit „cheyne“ = chain = Kette (Strachey 1849, S.185). Dass damit eine Kette mit weißen Perlen gemeint ist, wird durch die Sprachwurzel belegt (z. B. Tooker, 1893, S. 412). Der mögliche Verdacht, Strachey habe vielleicht andere Ketten gemeint, wird schon dadurch widerlegt, dass sein nächstes indianisches Wort tapaantaminais für „a chayne of copper with long lincks“ keinerlei sprachlichen Bezug zu rarenaw aufweist. Beverley (1705, S. 59 und 1722, S.181) schreibt: „They have also another sort (in Ergänzung zu wampum – Anm. d. Verf.) which is current among them, but of far less value; and this is made of cockle shell, broken into small bits with rough edges, drilled through in the same manner as beads, and this they call roanoke, and use it as the peak (= wampum; Anm. d. Verf.)”.

 

Roanoke ist nicht wampum

Das Wort wampumpeage der Algonkin-Sprache bedeutet „ein Strang weißer Muschelperlen“. Die englischen Siedler teilten das komplizierte Wort in wampum und peag oder peak (peeg gesprochen) und bezeichneten mit beiden Begriffen gleichermaßen die zylindrischen weißen und violetten Schnecken- bzw. Muschelperlen (Abb. 2), die heute im engeren Sinn als wampum bezeichnet werden. In den Schriften des 17. Jahrhunderts ist meist von peak die Rede, später werden diese Perlchen jedoch, auch von den Indianern, allgemein wampum genannt.

Abb. 2: wampum Perlenlänge: ca. 6 mm (Rochester Junction, Staat New York – 1675 – 1687 von Senaca Indianern bewohnt)

 

Da sowohl bei einem Teil von wampum als auch bei roanoke von weißen Muschelperlen die Rede ist, ist es kein Wunder, dass in der Literatur die beiden Arten manchmal irrtümlich für ein und dasselbe gehalten werden (z. B. Willard 2002; Tooker 1911; Massey 1976). Es handelt sich jedoch um zwei völlig verschiedene Formen. Die zylindrischen weißen wampum Perlen werden aus der Spindel eines Schneckengehäuses hergestellt, roanoke dagegen sind Scheibenperlen aus Stücken von Muschelschalen (Mercenaria mercenaria), die durchbohrt und geglättet werden. Diese Differenzierung wird schon durch einen Teil der eingangs zitierten Literatur belegt. Darüber hinaus betont auch Woodward (1880, S. 13) in seinem Werk über wampum: „In Virginia roenoke was current. This consisted of small rough fragments of cockle shells, which were drilled and strung”. Insoweit irrt Taxay (1970, S.108) mit seiner Behauptung, Woodward sehe in rawrenock nur eine Varietät von wampum. Clement (1929, S. 13) schrieb: “Roanoke, of less value than the peake, consisted of flat pieces of shell which were drilled through”. In den Aufzeichnungen der Kolonie Virginia gibt es schließlich ebenfalls deutliche Hinweise darauf, dass peak und roanoke nebeneinander existierten und gebraucht wurden (Moretti-Langholz: Colonial, Chapter 10). So verlangten beispielsweise 1707 die Tuscarora Indianer als Kompensation für einen getöteten Stammesangehörigen von der Kolonie u. a. 600 cubits (Ellen, Armlängen) roanoke und 100 cubits peake. 1676 wurde eine Anweisung erlassen nach der „Mr. G. Walklate is to take into custody all such roanoke and peake as was taken from the Indians. Any roanoke and peake, which was not distributed among the soldiers, belongs to the Governor”. Auch Brickell (1737, S. 338-339) berichtet von roanoke (er nennt es ronoak) und peak Also: Roanoke und wampum sind Zweierlei.

 Wie sieht roanoke aus?

Nach meiner Kenntnis gibt es bisher in der verfügbaren Literatur nur zwei Abbildungen von weißen Muschel(oder Schnecken)perlen, die ausdrücklich als roanoke bezeichnet sind.

In Abb.7 ist „Powhatans´s Mantle“ dargestellt. Er befindet sich im Ashmolean Museum in Oxford, England. Auf den vier zusammengenähten Tierhäuten im Gesamtmaß von 2,3 x 1,5 Metern sind durch aufgenähte Schneckenperlen 31 Scheiben (von ursprünglich wohl 34), eine menschliche Gestalt sowie zwei Tiere dargestellt. Die Kreise sollen die Anzahl der Algonkin Stämme symbolisieren, über die der mächtige König Powhatan (genannt wie sein Volk) in Virginia gebot.

Abb. 7: „Powhatans mantle“ (Ashmolean Museum, Oxford, England)

 

Der „Mantel“ ist seit 1634 bekannt. Ursprünglich war er in der Sammlung des John Tradescant. Mit seiner Beschreibung in dessen Katalog von 1656 wird es für uns interessant, denn darin steht: „Powhatan, King of Virginia´s habit all embroidered with shells, or Roanoke“ (Tyler, 1888). Wie Tyler weiter schreibt, wurden die verwendeten Schnecken als Marginella nivosa identifiziert. Deren heute gültiger Name lautet Prunum nivosum. Diese Schnecken leben in der karibischen See. Es wäre ein langer Handelsweg von dort zu den Powhatan gewesen.

 

Abb. 8: Prunum roscidum (Redfield, 1860) – 1,2 cm

Eine andere Art nämlich Prunum roscidium (Redfield, 1860) kommt dagegen an den Küsten von Virginia und North Carolina vor (siehe Abb. 8; die dort gezeigte Prunum roscidum (Redfield, 1860) misst 1,2 cm.). Dies erschiene mir wahrscheinlicher zumal in der Literatur ein reger Handel zwischen den Bewohnern der Küstenregion und den Stämmen im Landesinneren belegt ist. Eine exakte Bestimmung ist wohl heute nicht mehr möglich. Jedenfalls handelt es sich hier nicht um  Scheibchenperlen aus Muschelschalen, sondern um Perlen aus Schneckenhäusern, die offensichtlich in der Weise hergestellt wurden, dass seitlich ein Loch in das Gehäuse geschliffen wurde sodass der Faden durch dieses und die Mündung geführt werden konnte um sie auf diese Weise auf den Mantel zu nähen. Sie dienten offenbar nur als Schmuck. Eine Geldfunktion ist für die Perlen nirgends erwähnt.

Zum anderen gibt es das Foto in Taxay (1970, Seite 109) mit folgender Legende: “A string of clam shell beads, or „roanoke“, the aboriginal currency of Virginia. Courtesy of the Chase Manhattan Bank Money Museum”. Es ist in Abb. 3 oben wiedergegeben. Nähere Angaben, auch zur Größe, fehlen. Wenn wir von einer Abbildung in natürlicher Größe ausgehen (die Wahrscheinlichkeit dafür ist groß, weil Taxay bei anderen Bildern, die nicht der natürlichen Größe entsprachen, dies meist angegeben hat), dann haben die meisten Perlen einen Durchmesser von gut 1 cm. Nur zu den Enden hin werden sie etwas kleiner. Die Stärke kann man dann entsprechend mit etwa 3 – 4 mm annehmen. Das Money Museum der Chase Manhattan Bank schloss bereits 1977 seine Pforten. Die Sammlung wurde durch die Smithsonian Institution’s National Numismatic Collection erworben. In deren online collection lässt sich dieses Objekt leider nicht finden. Auf jeden Fall handelt es sich um Perlen, die nach der bewährten Methode aus Muschelschalen hergestellt wurden: Die Schalen werden in Stücke gebrochen, diese durchbohrt, geglättet, aufgefädelt und außen glatt geschliffen. Sie sind ausdrücklich als „currency“ bezeichnet.

Muschel- contra Schneckenperle

Mit dem Thema roanoke habe ich mich schon lange beschäftigt. An diesem Punkt aber kamen meine Überlegungen bisher stets ins Stocken. Offensichtlich gab es zwei Arten von roanoke. Wurden beide Sorten als Geld verwendet, oder nur eine davon? Zwar dokumentiert die Literatur eindrucksvoll die Geldfunktion von roanoke und es war mir bewusst, dass das Wort roanoke nichts anderes als „geglättete Muschel/ Schnecken- Schale“ bedeutet, was sowohl auf die bei Taxay abgebildete Kette als auch auf die auf Powhatans Mantel verwendeten Perlchen zutrifft. Auch zeigte schon die frühe Literatur (z. B. Beverley 1705, S. 59) auf, dass die Geldform roanoke aus zugerichteten Muschelplättchen bestand. Trotzdem wollte ich mich bei der Bestimmung ungern auf die einzige Fotoquelle bei Taxay verlassen.

 

Ein unverhoffter Fund

Mit etwas Glück fand ich heraus, dass einer der wenigen existierenden roanoke Stränge sich im History Museum of Western Virginia in Roanoke, Virginia, befindet, dort als rawrenoke bezeichnet. Nach Korrespondenz mit der Historical Society of Western Virginia erhielt ich eine Fotografie sowie die Erlaubnis, dieses Foto in diesem Artikel im Primitivgeldsammler zu veröffentlichen (siehe Titelbild). Die Perlen waren 1929 in einem Mound (Grabhügel) der Saponi Indianer nahe Montvale (nordöstlich von Roanoke, Virginia) gefunden worden. Sie lagen wie aufgereiht; die Lederschnur, auf die sie wohl ursprünglich aufgezogen waren, war im Lauf der Jahrhunderte vergangen. Erster Besitzer war M. I. McCreight (1865 – 1958) aus DuBois, Pennsylvania, der als Sohn eines „Indian agent and Indian Commissioner“ eine ausgedehnte Sammlung indianischer Artefakte besaß. McCreight hatte sie dem Farmer, der sie beim Ausheben eines Grabens an dem Mound gefunden hatte, am Tag nach dem Fund vor Ort abgekauft. 1966 kamen die Perlen durch eine Schenkung in das Museum in Roanoke. „This strand is one of the few examples of rawrenoke wampum in existence” teilte das Museum mit. Als Ausgangsmaterial der Scheibchen wird „Venus mercenaria“ angegeben. Der Durchmesser der Muschelscheiben beträgt nach Angabe des Museums etwa 1,25 cm (1/2 inch). Die Saponi Indianer bildeten mit den Tutelo und den Occaneechi zusammen eine Föderation, die sich über Teile der heutigen Staaten North Carolina und Virginia erstreckte. Monasukapanough, eine ihrer frühen Städte (um 1600) wurde von Bushnell (1930, S. 17-22) nahe dem heutigen Charlottesville lokalisiert. Der Fundort liegt zwischen diesem Ort und der Stadt Roanoke. Im Zuge der kriegerischen Wanderungen der Indianer in den östlichen USA in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden die Saponi nach Süden, vorübergehend bis nach South Carolina, abgedrängt.

Abb. 6: Muschel Mercenaria mercenaria; Breite 10 cm

 

 

 

 

 

 

Die erwähnte Venus mercenaria ist heute die  Mercenaria mercenaria (Linne, 1758), die wir schon als Materiallieferant für die lavendelfarbenen wampum Perlen kennen (siehe Abb. 6). Die Bezeichnung „rawrenoke wampum“ zeigt, dass man 1929 noch geneigt war, alle Perlen unter dem Begriff wampum zu subsumieren.

Somit gibt es jetzt zwei Bilddokumente, die den Typus roanoke, der als „currency“ verwendet wurde, zeigen. Sie sind sich sehr ähnlich und es steht außer Zweifel, dass es sich um dicke Muschelscheiben handelt. Beide sind aus clam shell (Venus Muschel) gemacht, offensichtlich aus Mercenaria mercenaria, die an der gesamten nordamerikanischen Ostküste sehr häufig ist. Die Herstellung von roanoke aus Bruchstücken der Muschelschalen, die durchbohrt und rund geschliffen werden, wird auch in der Literatur ausreichend beschrieben (beispielsweise Beverley 1705, Clement 1929; Woodward 1880; Swanton 1928). Damit ist die bildhafte Identität der Geldform roanoke zweifelsfrei nachgewiesen.

Die Geldfunktion

In der Literatur wird mehrfach aufgezeigt, dass den Indianern Nordamerikas in vorkolonialer Zeit der Kauf mittels Geld fremd war (siehe dazu beispielsweise Rabus 2003, p. 41 im Zusammenhang mit wampum). Ihre Lebensweise ließ kein Bedürfnis danach aufkommen. Das schloss jedoch nicht aus, dass sie einige besondere Gegenstände, die sie schätzten, als Tauschmittel oder zur Abgeltung von Verpflichtungen aus Heirat, Blutschuld oder Friedensschluss sowie für geleistete Kriegsdienste gebrauchten. So auch roanoke in Virginia. Erst durch den Verkehr mit den Europäern begannen sie, solchen Objekten Geldwert in der Weise beizumessen, dass man mit ihnen etwas „kaufen“ konnte. Aus Grabfunden im Landesinneren von North Carolina schließt Phelps (2001) auf regen Handel mit den Küstengebieten. Im Handelssystem der Kolonialperiode spielten nach seiner Feststellung „marginella shell beads“ (= Prunum), „peake“ (= wampum) und „roanoke“ dabei die Hauptrolle. Für die Inlandsstämme ergab sich dafür eine besondere Wertschätzung, weil diese Artikel nur im Tauschweg  erworben werden konnten.

Die Geldfunktion von roanoke ist eindrucksvoll dokumentiert:

1. Allgemein bei Indianern in Virginia und/oder North Carolina als Tauschmittel, „currency“, „current“ , „money“, „as our money“ oder „standard of value“ bezeichnet:

>     Beverley 1705, 59

>      Brickell 1737, S. 338

>      Clement 1929, S. 17 (bezieht sich auf einen Brief von 1709)

>      Hamor 1615, S. 41

>      Lawson 1860, S. 315

>      Lederer 1672, S. 29

>      Swanton 1928, S. 722-723

>      Taxay 1970, S. 107-109

>      Upshur 1902, S. 4

2. Brautpreis:

>      Hamor1615, S. 41

3. Kompensation von Blutschuld und Verletzungen

>       Moretti-Langholtz, Colonial, Chapter 10, S. 600 cubits roanoke für einen Erschlagenen.

4. Strafen/Entschädigungen:

>      Moretti-Langholtz, Colonial, Chapter 5: Pocomoke Indianer erhielten roanoke für erhaltene Schläge durch Siedler

>      Moretti-Langholtz, Colonial, Chapter 77: Häuptling Wahnanganoche der Patawomeck Indianer erhält von Captain Giles Brent 200 Armlängen roanoke und je 100 Armlängen roanoke von Col. Gerrard Fowke, Mr. John Lord und Captain George Mason.

>      Moretti-Langholtz, Colonial, Chapter 77: Für jeden Indianer, der unerlaubt Gebiet der Siedler betritt, hat sein Häuptling 100 Armlängen roanoke zu zahlen.

4. Für Beistand im Krieg gegen andere Stämme:

>      Clement 1929, S. 17

 

Diese Beobachtungen und Aussagen gelten jedenfalls für die koloniale Zeit ab Anfang des 17. Jahrhunderts. In Gräbern sind roanoke Perlen schon aus vorkolonialer Zeit nachgewiesen. Als Tauschmittel dürften sie den Indianern schon damals gedient haben, doch gibt es dafür naturgemäß keine Aufzeichnungen.

© 2012 Eucoprimo

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